Fünfzehn Seiten sind schon ganz in Ordnung, denk ich mir. Ich trage eine rote Weste, unter mir ein unbequemer Holzhocker, der diesen 400-Euro Brotjob nicht gerade erträglicher macht. Die letzte Stunde ist gerade angebrochen, also die, wo nie was los ist und ich im Durchzug sitzend Dinge lese, wie gerade die ersten Versuche der großen Arbeit.
Ich habe beschlossen, die Diplomarbeit nur noch „die große Arbeit“ zu nennen. Oder „die Arbeit“. Oder „Ich hasse dich und möchte, dass du endlich aus meinem Leben verschwindest“. Auf der anderen Seite rede ich mir ein, dass es Spaß macht, wieder tage- und nächtelang zu schreiben. Auch wenn es nicht dasselbe ist wie damals in der Wiener Küche. Dabei habe ich mir redlich Mühe gegeben, das Gefühl von damals zu imitieren. Habe Martenstein gelesen. Habe Ottakringer getrunken. War mal wieder ein bißchen besessen und auch besessen von dem Wunsch, etwas auf die Beine zu stellen. Doch dann besetzten die Wiener Studenten in der vertrauten Ferne ihre und auch meine Uni und es war ein bißchen wie damals, so vom Gefühl her, als ich das erste Konzert der Libertines ohne Pete Doherty gesehen habe: Man war dabei, bei der ganzen Sache, aber dann war’s doch nicht so ganz. Damals Pete Doherty, heute fehlte ich. Der eigene, gewollte Weg, nun, in seinem Fall, da gibt‘s die Babyshambles und in meinem Fall, da gibt‘s Freunde und Bekannte, die einen riesigen Hörsaal besetzen und diskutieren, was endlich besser gemacht werden muss. Doch ich sitze weit entfernt auf einem kaputten Hocker und diskutiere mit mir selbst, was nach der durchkämpften und verlassenen Wiener Uni diese unförmige Zukunft bitte Einträgliches bringen wird. Ich fühle mich als hätte ich alles und jeden verraten und verkauft. Verraten! Verkauft! Die bequemen, gelebten Posen flammen auf. Rebellentum, ich will das auch.
Doch natürlich kam es anders. Und warum? Wegen einem Anruf. Ich friere. Kurz nach sieben ist es, viel zu früh am Morgen. Die Scheiben des alten VW Passat sind beschlagen, und seitdem der CD-Player kaputt ist, suche ich ständig einen Sender, der keine Radiocomedy bringt. Statt der roten Weste mit dem schiefen Namensschild trage ich heute Hemd, Schal, Sakko. Mein zweites Ich ist unterwegs, der Superheld. Ich wurde gerufen, den Notjob zu verlassen, um für kurze Zeit einen besseren anzunehmen. Ich wurde „Herr Simon“, der Aushilfslehrer, der eine Woche lang mit Zehntklässlern übers Geschichtenerzählen redet – über Kurzgeschichten und Popmusik und Filme und übers Selberschreiben. Zehntklässler sind so fünfzehn sechszehn und haben noch sowas wie Energie. Wir nennen es Medienpädagogik. Wir haben über Hemingway gesprochen, über Kanye West, Death Cab For Cutie, Almost Famous und über all das, was wichtig ist. Es wurde Theater gespielt, es wurde Lehrer gespielt. Und irgendwo in diesem Klassenzimmer ist auch ein bißchen was von mir selbst wieder aufgetaucht.
Am ersten Tag zurück in der toten Weste habe ich gekündigt. Ich trage die gute Laune in mir, nie wieder bunter Cowboy zu sein. Und eh ichs vergesse, die ersten fünfzehn Seiten, so schlecht sind die gar nicht.