(Spoilerwarnung! Equilibrium, V For Vendetta, Nineteen Eighty-Four!)
Betrachtet man die lange Liste der literarischer Anleihen, die Autor und Regisseur Kurt Wimmer als Grundlage seiner Geschichte in Equilibrium (2002) nutzte, ist George Orwells „1984“ – neben Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ und Aldous Huxleys „Brave New World“ – die wohl offensichtlichste. Auf ästhetischer Ebene erinnert Equilibrium zwar eher an The Matrix (Andy und Larry Wachowski, 1999), thematisch wandelt der Film jedoch auf eingetretenen Dystopie-Pfaden. So ist es nur konsequent, dass sich Autor und Regisseur Wimmer auch beim Einsatz von Bildschirmen (im Stadtbild) ganz auf bekannte Vorbilder verlässt. Große Screens – an Gebäuden, an Zeppelinen oder auch als Public-Viewing-Anlagen oder in öffentlichen Gebäuden in der Stadt Libria, sowie als eine Art Bildungs-TV in den Privatwohnungen – die wie in Nineteen Eighty-Four belehrenden, propagandistischen Inhalt zeigen: Was dort die Goldstein-Thematik und Schuldbekenntnisse waren, sind hier Bilder von Hitler und der Atombombe, um derartiges unter Einnahme der Emotions-tötenden Pille „Prozium“ zu verhindern. Vordergründig sollen humanitäre Ideen unterstützt werden, die sich jedoch beim Blick hinter die Kulissen als Mittel der Kontrolle und Unterdrückung eines unmenschlichen, totalitären Staates herausstellen, und einzig der Sicherung des Status quo für die Regierung dienen.
So ist es wie in Nineteen Eighty-Four auch in Equilibrium ein Funktionär des repressiven Staatsapparates, der beginnt, diesen zu hinterfragen und sich letztlich gegen ihn zu wenden: Preston (Christian Bale), ein „Grammaton-Kleriker“ auf der Jagd nach „Sinnestätern“ (Vgl. „Gedankenverbrecher“, Nineteen Eighty-Four), beginnt nach und nach, die auf den Bildschirmen vom „Vater“ (Vgl. „Big Brother“) propagierte Realität zu hinterfragen und unter dem Vorwand der Rebellenjagd die eigenen Vorgesetzten zu unterwandern. Im Grunde genommen wird in Equilibrium anhand von Preston das ausformuliert, wozu Winston Smith in Nineteen Eighty-Four nie die Gelegenheit hatte: Der Sturz des Systems, die Bestätigung einer leisen Hoffnung. Der Weg dorthin ist ein Weg in das Zentrum des Staates, in die Medienzentrale, wo die Geheimnisse gelüftet werden. Es stellt sich heraus: der „Vater“ ist lange tot, die vermeintlich aktuellen Aufnahmen sind gefälscht, und die „Prozium“-Injektionen sind lediglich ein staatliches Mittel der Kontrolle. Nach der schlussendlichen Ermordung des Ersatz-„Vaters“ durch Preston wischt dieser das Blut von seinen Händen an einen übrig gebliebenen Bildschirm der Nachrichtenzentrale: Eine symbolträchtige Szene und die Abrechnung mit der staatlichen Propagandamaschine, eine Auflösung nach der Entlarvung des Unrechts. Im emotionalen Finale zerschießt Preston demonstrativ alle Bildschirme in der Zentrale, was einen Ausfall der Propaganda auf den Großleinwänden der Stadt zur Folge hat – die Befreiung von der Unterdrückung („Liberation in Libria“, wenn man so will).
Die Funktion der Bildschirme in Equilibrium ist eine ebenso plakative wie symbolische: in ihnen manifestiert sich das Wesen des totalitären Staates – und sein Untergang.
Remember, remember the 5th of November
Im Vergleich dazu fällt die Bedeutung der Screens in V For Vendetta (James McTeigue, 2005) fast schon subtil aus, was wohl insbesondere daraus resultiert, dass der Film (trotz eines maskierten Rächers) deutlich näher an die mediale Realität der Gegenwart gebaut wurde, als das Post-Dritter-Weltkrieg-Szenario in Equilibrium. So wird die Bedeutung der Medien, wie auch die Standpunkte der Figuren, gleich zu Beginn des Films in einer aussagekräftigen Parallelmontage veranschaulicht: Evey Hammond (Natalie Portman) schminkt sich, macht sich fertig um abends auszugehen. Im Hintergrund läuft eine TV-Sendung, in der Moderator Lewis Prothero gegen Ausländer, Muslime und Homosexuelle hetzt. Diese Sendung sieht auch V (Hugo Weaving), während er sich in seinem Versteck für den abendlichen Ausflug fertig macht: er zieht sein Kostüm an und setzt seine Maske auf, Evey zieht ihr Kleid an und legt Make-Up auf. Schließlich schalten beide den Fernseher ab (ein Recht, das Winston Smith in Nineteen Eighty-Four verwehrt blieb; Evey: „That’s quite enough of that“) und gehen aus dem Haus, was ihr erstes Zusammentreffen zur Folge haben wird.
Figuren und Ausgangslage der Geschichte werden etabliert, in nur wenigen Sätzen und anhand des TV-Screens: Der autoritäre Staat wird auf dem Schirm charakterisiert, seine beiden größten Widersacher durch ihre Reaktionen auf eben dieses Gezeigte.
(V For Vendetta / Bild von MovieGod.de)
Das Stadtbild Londons in V For Vendetta ist kein sonderlich futuristisch-verfremdetes, es sieht aus wie die Gegenwart 2006, weshalb auch die staatliche Propaganda auf diesem Wege nicht direkt deutlich wird wie beispielsweise in Equilibrium, dessen Stadtbild deutlich im Dienst der staatlichen Propaganda steht. Vielmehr hat es den Anschein, als hätte die staatliche Propaganda die Medien und die Stadt unterwandert, in V For Vendetta wird so ein wesentlich subtileres, realitätsnahes Bild aufgezeigt – auch wenn die gezeigten Hetzreden alles andere als subtil sind. So fällt erst auf den zweiten Blick auf, wo Bildschirme verteilt sind: in öffentlichen Gebäuden, in der Lobby des Nachrichtenzentrums, in Büros und auf öffentlichen Screens die sich ins Stadtbild einfügen wie Werbetafeln. Der staatliche Sender wird überall ausgestrahlt, genießt die ungteilte Aufmerksamkeit der Bevölkerung und so werden die Screens als ebenso allgegenwärtig präsentiert wie der „Strength through unity, unity through faith“ Leitspruch der Regierung.
Auch innerhalb der Administration haben Screens eine wichtige, kommunikative Funktion: So sitzen hohe Funktionäre der Polizei, des Geheimdienstes und der Nachrichtenzentrale in ihren Sitzungen vor einer riesigen Leinwand, wo ihnen der abgeschottete Kanzler Adam Sutler zugeschaltet wird und den Vorsitz über das Komitee hält.1 In einer ersten Aktion dringt V in das Nachrichtenzentrum im Jordan Tower ein, um seine Nachricht zu senden. Er nutzt den Kanal der Regierung, nutzt ihre Waffe für seine Zwecke – und erreicht jeden, genießt die ungeteilte Aufmerksamkeit der Bevölkerung. Es sind zwei Menschen aus dem System – Evey, die im Nachrichtenzentrum arbeitet und Finch, der Polizist – und ein Opfer des Staates, der maskierte V, die sich gegen das System wenden und es stürzen, indem sie es von innen zerstören.
Don’t Let The Man Get You Down
In diesem weiteren Verlauf nehmen die Bildschirmmedien eine weniger zentrale, eher begleitende Rolle ein: sie dienen zur Erklärung der Hintergründe (Nachrichtenberichte; Dokumentation über die Parteigeschichte und die initierte Katastrophe) und werden von Kanzler Sutler für eine „Clear Message“ als letzte Maßnahme genutzt, um den Umsturz durch die Bevölkerung abzuwenden. Insgesamt lassen sich bei V For Vendetta und Equilibrium große Parallelen zu Nineteen Eighty-Four in Bezug auf die Nutzung von Bildschirmmedien zu Propagandazwecken feststellen. Doch wird mit Orwells Erbe gänzlich anders umgegangen: Während Equilibrium näher dran bleibt und den in Nineteen Eighty-Four nicht möglichen Weg beschreitet und den totalitären Staat besiegt, wird die Propagandamaschine in symbolträchtigen Bildern schlussendlich zerstört. In V For Vendetta nutzt Terrorist V die staatlichen Kanäle für seine Zwecke aus, um dem autoritären Staat auf diesem Weg zu schaden; die Bildschirmmedien sind zwar ein wichtiger Teil des ganzen, werden jedoch nicht ins Zentrum gerückt wie in Equilibrium oder Nineteen Eighty-Four; die geistige Verwandtschaft ist jedoch zweifellos vorhanden. Wo in Nineteen Eighty-Four am Ende die Ausweglosigkeit und Trostligkeit stand und in die volle Kraft der Unmenschlichkeit über Protagonist Smith hinwegrollte (manifestiert im finalen Schuldbekenntnis), siegen in Equilibrium die Freiheit und die Emotionen, in V For Vendetta die „Idee“: „and ideas are bulletproof“.
Allen drei Filmen gemein ist jedoch die wichtige Rolle der Bildschirmmedien (hier zum Zwecke der Propaganda und der staatlichen Kontrolle) insgesamt. Sie dienen einerseits dem Setdesign und dem Zeigen der futuristischen Welten und Stadtbilder, nehmen aber darüber hinaus eine dramaturgisch wichtige Rolle ein.
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Teil 3 von 6 aus: „Bildschirmmedien im (ausgewählten) zeitgenössischen Science-Fiction-Film: Eine Untersuchung im Hinblick auf dramaturgische und stilistische Funktionen, sowie den Einsatz im Stadtbild“, Abschlussessay zur LV „Die phantastische Stadt. Elemente einer Geschichte des Phantastischen Films“ (Mag. Thomas Ballhausen), Uni Wien, Sommersemester 2008
- Kontext und Übersicht
Anmerkungen:
- Dass „Adam Sutler“ wie „Adolf Hitler“ klingt, ist nur eine der vielen Bezugnahmen des Films auf den Nationalsozialismus; dass Sutler von John Hurt (Winston Smith) gespielt wird, die wohl größte Verneigung vor Nineteen Eighty-Four ↩
Tags: 1984, essay, filmanalyse






