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Bildschirmmedien im Science Fiction Film: (4) Philip K. Dick und die Zukunft

23. April 2009

(Spoilerwarnung! Total Recall, Minority Report, A Scanner Darkly!)

Was ein Arnold-Schwarzenegger-Actionfilm von Paul Verhoeven, ein Tom-Cruise-Blockbuster von Steven Spielberg und ein halber Indiestreifen von Richard Linklater gemeinsam haben? Sie basieren alle mehr oder weniger auf Geschichten von Philip K. Dick: Total Recall (1990), Minority Report (2002) und A Scanner Darkly (2006) sind darüber hinaus aber drei Filme, in denen die dargestellten Bildschirmmedien ähnliche Funktionen besitzen: Sie dienen vorwiegend zur Illustration der im Film gezeigten Zukunftswelt, wobei sie aber auch für die Handlung wichtige Funktionen begleiten. So ist ihre Bedeutung im Film nicht eine derart zentrale und allumfassende wie in Nineteen Eighty-Four oder Equilibrium. Ähnlich wie in V For Vendetta sind sie mehr Teil des Ganzen und innerhalb ihrer zugeteilten Rolle auch von Bedeutung für den Plot. Sie dienen als dramaturgisches Vehikel für die Mars-Reise in Total Recall, als wichtigstes Arbeitsinstrument des Pre-Crime-Departments in Minority Report und als polizeiliches Überwachungsinstrument in A Scanner Darkly. Und, man kann es fast als den „Philip K. Dick Twist“ der Geschichten bezeichnen, liefern die Screens immer auch Anhaltspunkte für philosophische Überlegungen und Fragestellungen innerhalb der Geschichten.

A Scanner Darkly / Bild von MovieGod.de(A Scanner Darkly / Bild von MovieGod.de)

„No wonder you‘re having nightmares, you‘re always watching the news“, sagt Lori (Sharon Stone) zu Beginn von Total Recall zu ihrem Mann Quaid (Schwarzenegger) und versucht seine Aufmerksamkeit vom Bildschirm zu lenken, indem sie umschaltet. Die gesamte Wand wird zum Bildschirm und zeigt eine beruhigende Naturlandschaft, anstatt der Kriegsnachrichten vom Mars. Dieser „Wall Screen“ findet sich auch in Minority Report, wo Polizist John Anderton (Tom Cruise) per Sprachsteuerung seine Homevideos vom kleinen auf den großen Schirm schaltet.1 Gerade Minority Report strotzt vor Screen-technischen Gimmicks: sie sind durchsichtig, tauchen in allen größen und Variationen auf und dienen vorwiegend der Information und Kommunikation; ob als Info-Screen im Gefängnis, wo das (geplante) Verbrechen der Häftlinge gezeigt wird oder als Videoberichte in gewöhnlichen Zeitungen oder als Werbung auf Cornflakes-Packungen. Darüber hinaus finden sich – wie auch in den beiden anderen Filmen – Hologramme; wenn man so will eine dreidimensionale Evolutionsstufe der zweidimensionalen Bildschirme: in Andertons Homevideos in Minority Report, als Loris Tennis-Training in Total Recall und als zuschaltbares Überwachungs-Feature der Scanner in A Scanner Darkly.

Die Zukunft zeigen

In der Minority-Report-Vision von Washington D.C. im Jahre 2054 finden sich überdies große Werbescreens, die über die Bedeutung und Sicherheit des Pre-Crime-Systems informiert: Verbrechen erkennen und verhindern, bevor sie geschehen – dank der Visionen der so genannten „Pre-Cogs“ Agatha (Samantha Morton), Dashiell und Arthur. Die Werbung für das neue, funktionierende System der Kriminalitätsbekämpfung ist allgegenwärtig („It works!“); die Wahrheitsfindung rückt in den Vordergrund als Anderton sich selbst als zukünftigen Mörder identifiziert und die Sinnfrage gestellt wird: Funktioniert das System? Wen wird Anderton umbringen? Was eine weitere Gemeinsamkeit der drei losen Dick-Adaptionen offenbart: Alle drei sind MacGuffin-Filme. Quaid jagt seine verlorenen Erinnerungen und sein altes Ich auf dem Mars (Total Recall), Arctor überwacht als Incognito-Polizist scheinbar ziellos sein eigenes Haus (A Scanner Darkly) und Anderton versucht herauszufinden, wen er warum umbringen wird – und ob überhaupt. In allen drei Filmen besitzen Bildschirmmedien nicht nur einen illustrativen, Zukunfts-zeigenden Aspekt, sie bringen auch die Handlung entscheidend voran: So sind es in Total Recall die Werbescreens in der U-Bahn (Mars-Urlaube), die Quaids Sinnsuche überhaupt erst auslösen und in Folge anleitende Videobotschaften seines alten Ichs, die ihn immer wieder in die richtige (oder auch falsche) Richtung lenken. In A Scanner Darkly sind es die am Überwachungsscreen gewonnenen Erkenntnisse über sein Umfeld, die Arctor unter zunehmender Drogenabhängigkeit immer tiefer in die wirren Beziehungen der Figurenkonstellationen eintauchen lassen. Nicht weniger deutlich wird die Bedeutung der Bildschirme in Minority Report, an Andertons Arbeitsplatz: Wie ein Dirigent vor einem Orchester steht er am durchsichtigen Screen und analysiert die Visionen der Pre-Cogs: „scrubbing the image“. Es folgt ein kurzes Gerichtsverfahren vor Ort, mit per Videokonferrenz zugeschalteten Zeugen. Auf diese Weise entdeckt Anderton auch den Mord, den er selbst begehen wird, was der Handlung ihren entscheidenden Anstoß gibt. In Folge werden Bildschirmmedien im Film auch zur Veranschaulichung von Lebensumständen genutzt: in Andertons Wohnung, auf der Arbeit finden sich noble Screens, die auf einen gewissen Wohlstand hindeuten. Als Anderton später auf seiner Flucht/Jagd in der Bruchbude von Dr. Eddie (Peter Stormare) untertaucht, werden dort improvisierte, heruntergekommene Screens gezeigt. Schlussendlich: Wichtigstes Instrument bei der Auflösung der Geschichte – oder: bei der Wahrheitsfindung – ist der Screen, an dem Anderton unter Mithilfe von Agatha Fehler im System aufdeckt (die „Minority Reports“). Die Entlarvung des Bösewichts findet abschließend effektvoll per Großbildleinwand statt und die Screens haben ihren (plot-)unterstützenden Dienst getan.

Philosopische Überlegungen und Screens

So lässt sich insgesamt kein prägnanter Unterschied in Bezug auf die dramaturgischen Funktionen der drei Filme aus der Dick-Gruppe zu den bisher diskutierten, Orwell und seinen Erben, herausarbeiten. Wohl aber lässt sich feststellen: In Bezug auf die ästhetische, optische Komponente findet sich insbesondere bei Total Recall und Minority Report eine Ausweitung auf das Zeigen der Zukunft. An die Stelle der Konzentration auf staatliche Autoritäten treten philosophische Überlegungen: die Manipulation der Gedanken in Total Recall, die Frage nach der Verurteilung von Verbrechen, die faktisch noch nicht beganngen wurden in Minority Report, und wiederholt die drogeninduzierten Überlegungen zu Wahrheit und Überwachung in A Scanner Darkly (siehe Arctors „What does a Scanner see?“ Monolog). Die Kraft und die Möglichkeiten des Sehens, der propagierten Realität und tatsächlichen Realität sind in allen drei Filmen allgegenwärtig: Agathas „Can you see?“ Fragestellung in Minority Report oder die allgegenwärtige Frage nach Einbildung und Realität in Total Recall, wo im Zuge Schießereien immer wieder Blut auf die Bildschirme spritzt.2

Was ist real, was ist manipuliert: Alle drei Filme drehen sich um das Thema der Wahrheitsfindung, Screens funktionieren vorwiegend als Hilfsmittel dieser Suche – zwischen auf großen Werbetafeln propagierten Realitäten und dem, was sich dahinter verbirgt. So betrachtet, funktionieren alle Screens in allen bisher genannten Filmen – von Nineteen Eighty-Four bis Minority Report annähernd gleich.


ding

Teil 4 von 6 aus: „Bildschirmmedien im (ausgewählten) zeitgenössischen Science-Fiction-Film: Eine Untersuchung im Hinblick auf dramaturgische und stilistische Funktionen, sowie den Einsatz im Stadtbild“, Abschlussessay zur LV „Die phantastische Stadt. Elemente einer Geschichte des Phantastischen Films“ (Mag. Thomas Ballhausen), Uni Wien, Sommersemester 2008
- Kontext und Übersicht

Anmerkungen:

  1. Eine Szene, die im Übrigen sehr an die persönlicheren unter den „Squid“-Clips aus Strange Days (Kathryn Bigelow; 1995) erinnert
  2. Allerdings geschieht dies immer im Hintergrund und nicht in zentralen Szenen wie in Equilibrium

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