(Spoilerwarnung! Southland Tales, Gattaca, The Island!)
In Richard Linklaters A Scanner Darkly fällt rein optisch natürlich eines sofort auf: die Rotoskopie-Animation – per CGI überzeichnete Filmaufnahmen. Ob Mittel der Verfremdung, Blick durch den Scanner, Entfremdung von der Realität durch Drogenkonsum – die Deutungsmöglichkeiten sind vielfältig, und atmosphärisch gesehen fügen sich die Screens so stimmig ins Gesamtbild wie die verzerrenden Halbrund-Bildschirme in Terry Gilliams Brazil (1985). Der Blick durch den Scanner wird jedoch auch im Plot selbst gezeigt: Arctor sitzt vor mehreren Screens und betrachtet das Geschehen in seiner Wohnung, der Zuschauer verfolgt dies mit ihm – und das nicht über Split-Screens als Schnitt-Technik, sondern auf den tatsächlichen Bildschirmen auf Arctors Arbeitsplatz. Ähnliches findet man fast allen in diesem Text genannten Filmbeispielen – meist sitzen die Figuren am Arbeitsplatz (in Cubicals) vor ihrem Schirm und arbeiten – doch am deutlichsten, und in allen erdenklichen Auswüchsen, findet sich diese Betrachtungsweise in Richard Kellys Southland Tales (2006).

(Southland Tales / Bild von MovieGod.de)
Nahezu begrüßt wird der Rezipient zu Beginn des Films vom „Doomsday Scenario Interface“, wo im Schnelldurchlauf das World-War-III-Szenario als Grundlage des Filmuniversums zusammengefasst wird und die innenpolitschen Folgen für die USA aufgezeigt werden: Aufspaltung des Landes, totalitäre Entwicklungen innerhalb der Regierung, Überwachungsstaat. Kein in diesem Rahmen besprochener Film weist eine derartige Unzahl an Bildschirmen auf – nicht einmal Nineteen Eighty-Four. Screen-Overkill, denn Kelly bringt absolut alles damit zusammenhängende unter: Kameras in den Straßen, in Wohnungen, auf Toiletten – das „USIDent“-Büro als Medienzentrale überwacht jeden Winkel des „Southland“. Als Protestbewegung dazu operiert „USIDeath“ mit ähnlichen Mittel. Dazu werdenvon Pornostars moderierte TV-Sendungen eingeblendet, Erpresser-Videobotschaften, überall finden sich Technik und Überwachung: Aber, es ist mehr ein rein panoptisches System („wenige sehen viele“), keine Nineteen-Eighty-Four-Propaganda auf gigantischen Equilibrium-esken Screens. Bildschirmmedien sind zwar allgegenwärtig, doch im Stadtbild nicht übermäßig präsent.
Regisseur Kelly hebt den Zuschauer immer eine Ebene aus dem Geschehen heraus, lässt ihn auf verschiedene Überwachungsscreens blicken wie auch Richard Linklater in A Scanner Darkly – nur eben nicht ausschließlich in der arbeitsbeobachtenden Übersicht, sondern auch aus der Perspektive des jeweiligen Mediums: ein Radarschirm, ein Fernglas, eine Handkamera, ein Überwachungsscreen, ein digitales Zielfernrohr. Hierdurch entsteht zwar eine Nähe zu den Medien als Mittler, gleichzeitig wird aber eine gewisse Distanz zum Filmgeschehen hergestellt. Die Betrachtungen durch die Kameras, letztlich führen sie zur finalen Apokalypse: als die gewaltige und gewalttätige Revolution zu den sphärischen Klängen von Moby über das Southland und die Regierung hereinbricht, wird in der Zerstörung der USIDent-Zentrale diese Distanz zum Geschehen und die einhergehende symbolische Kraft besonders deutlich: Während Überwachungs-Chefin Frost (Miranda Richardson) buchstäblich „ein Messer zu einem Pistolenkampf bringt“1 und von den Revolutionären erschossen wird, wechseln die Screens in ihrem Büro das Bild: sie zeigen eine Welle von Blut, die das letztlich den gesamten Überwachungsschirm überschwemmt. Hiermit wird der Umsturz auf eine symbolische Ebene gehoben, die werkimmanente Realität durch ein unwirkliches Programm auf dem Schirm aufgebrochen. Und ein weiterer Zweck, so scheint es oft in Southland Tales: Es soll halt cool aussehen.
Minimalismus
Einem derartigen Overkill an Bildschirmmedien steht ein Film wie zum Beispiel Andrew Niccols Gattaca (1997) mit seinem minimalen Bildschirmaufgebot gegenüber: Abgesehen von Vincents (Ethan Hawke) Arbeitsplatz, ebenfalls einer Art Cubical mit Computer, finden sich Bildschirme nur zu einem einzigen Zweck, dieser ist dafür aber von zentraler Bedeutung: Die Screens dienen der Identifikation der Bewohner und liefern die Information, ob jemand ein natürlich gezeugter Mensch ist, oder ein im Reagenzglas manipulierter. In großen Buchstaben steht neben den persönlichen Daten in großer Schrift „VALID“ oder „INVALID“. In Gattaca ist dies von zentraler Bedeutung: Vincent, ein defizitäres„Kind Gottes“ und ein mit allen genetischen Vorteilen gesegneter Ex-Sportler (Jude Law) tauschen die Rollen, damit Vincent seinen Traum vom Flug in den Weltraum verwirklichen kann. Die Validierung der eigenen, fehlerfreien Genetik in Gattaca ist eine neue Form der Diskriminierung, angezeigt und ablesbar auf einem Screen, der – auf die Filmhandlung übertragen – Erfolg oder Misserfolg von Vincents Mission bedeutet.
Eine ähnlich zentrale Rolle spielen die Screens in der ersten Hälfte von Michael Bays Blockbuster The Island (2006): Dort wird auf allen erdenklichen Bildschirmen „The Lottery“ gezeigt; die Lotterie, die den glücklichen Gewinner auf „Die Insel“ schickt, um dort angeblich bei der Wiederbevölkerung der Erde zu helfen. Die Insel ist ein MacGuffin, der in der ersten Hälfte zum Einsatz kommt, sie existiert nur auf den Screens des Biotech-Unternehmens, welches den „menschlichen Ersatzteillagern“ eine Realität vorspielt. Die Bewohner des Zentrums leben nur darauf hin, früher oder später die Lotterie zu gewinnen. Dass dies ihren Tod zur Folge haben wird, wissen sie nicht. Die zweite Hälfte des Films besteht dann daraus, dass Ewan MacGregor und Scarlett Johansson effektvoll vor ihren Verfolgern fliehen, die propagierte Realität der Bildschirme haben sie dort bereits lange hinter sich gelassen – was Regisseur Michael Bay genügend Raum für eine actionlastige Schnitzeljagd bietet.
Zwar besitzen die Screens der Biotech-Einrichtung auch kontrollierende Funktion – wie die Einwohner zum friedlichen Zusammenleben zu animieren – nehmen aber keine gesonderte Rolle in der Dramaturgie des Films ein; wie auch der an Minority-Report-Ästhetik erinnernde Bildschirm-Schreibtisch. Es wird deutlich, Bildschirme erfüllen hauptsächlich einen optischen Effekt: das Zeigen der Zukunft.
Was jedoch allen drei Filmen gemein scheint ist die bereits mehrfach festgestellte Etablierung einer von diversen Obrigkeiten inszenierten Realitätsebene.
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Teil 5 von 6 aus: „Bildschirmmedien im (ausgewählten) zeitgenössischen Science-Fiction-Film: Eine Untersuchung im Hinblick auf dramaturgische und stilistische Funktionen, sowie den Einsatz im Stadtbild“, Abschlussessay zur LV „Die phantastische Stadt. Elemente einer Geschichte des Phantastischen Films“ (Mag. Thomas Ballhausen), Uni Wien, Sommersemester 2008
- Kontext und Übersicht
Anmerkungen:
- Dies ist der klägliche Versuch, die Redewendung „bringing a knife to a gun fight“ zu übersetzen ↩
Tags: essay, filmanalyse






