Betrachtet man die holde Frauenwelt vom durchaus sinnigen sexistischen Standpunkt, dass man sie eigentlich alle fein säuberlich in optische Qualitätskategorien von 1 bis 10 einsortieren kann, dann ist eines ganz und gar unwahrscheinlich: Die 10. Die Höchstnote in Sachen weiblicher Attraktivität, unmöglich zu erreichen, denn – schlicht und ergreifend – es gibt sie nicht. Kommt es aber vor, dass ein männliches Wesen auf ein weibliches trifft, das in dessen Verständnis der Welt, der Gerechtigkeit und allem anderen tatsächlich diesem utopischen Wert der 10 auch nur nahe kommt, dann sind vielerlei Wunder möglich. Ganze Räume, ja Turnhallen und Schwimmbäder, Horizonte und Parkanlagen beginnen hellauf zu leuchten. Und das nicht nur sprichwörtlich. Das männliche Wesen verliert jedwede Kontrolle über sich selbst, meist für ganze Sekunden scheint die Welt still zu stehen und alle Sorgen, Krisen und Konflikte verschwunden, keine Kriege mehr und keine schmelzenden Polkappen. Und wollte eben noch einer deprimiert vom Dach springen, so tut er dies nun mit Freude.
Als wäre dies allein nicht schon schlimm genug, potenziert sich dieser einfache, aber effektive Sachverhalt natürlich, wenn gleich mehrere Personen betroffen sind. So kommt es beispielsweise vereinzelt zu dem sonderbaren Phänomen, dass ein ganzer Raum von der Schönheit besagter Bestnoten-Frau erfasst wird und – sollten nicht alle Anwesenden umgehend in eine wimmernde Fötushaltung übergehen und dort bis in alle Ewigkeit verharren – wird man Zeuge des wohl unwahrscheinlichsten aller Naturphänomene überhaupt: Der ganze Raum der Betroffenen realisiert, was gerade vor sich ging. Sie haben die Schönheit dieser Welt gesehen und sogar erkannt, sozusagen Status der Seligkeit. Dass dies dann rein gar nichts mehr mit sexueller Anziehung zu tun hat, versteht sich von selbst. Mit dem Bewusstsein des Erkenntnis von perfekter Schönheit geht ein Prozess einher, der über allem Fleischlichen steht: Niemand ist verknallt oder verliebt oder verschossen, im ganzen Raum kein einziger sabbernder Starrer. Nein, bei der Begegnung mit einer kurz-vor-utopisch schönen Frau setzt eine absolute Gewissheit im Unterbewusstsein des Betroffenen ein, und zwar eine Gewissheit, wie sie nur bei der Begegnung mit kurz-vor-utopisch schönen Frauen eintritt, die es ihm verbietet, dieser Perfektion zu verfallen. Dies, und das kann man guten Gewissens behaupten, ist die wohl intelligenteste Selbstschutzmaßnahme des menschlichen, hier männlichen Körpers. Würde das männliche Wesen dieser weiblichen Perfektion nämlich doch verfallen, dieser kurz-vor-10, nicht auszudenken. Apokalypse, Polkappen, das Ende der Welt und des Universums, all das und nochmal von vorn. Demzufolge fühlt sich der Betroffene nicht einmal ansatzweise zu diesem Wesen hingezogen, mit ihr reden möchte er schon gar nicht. Der Betroffene möchte nichts tun, was diese Perfektion auch nur im Ansatz gefährden könnte. Er möchte einfach nur einen Moment inne halten, Gott für diese Schönheit danken und noch einmal hinschauen.
Nun aber, man muss es leider sagen, kommt es manchmal vor, dass diese Selbstschutzautomatismen bei diversen Betroffenen gestört sind und aus irgendeinem Grund nicht oder nicht richtig funktionieren. Oder aber, diese Mechanismen werden bewusst ignoriert, weil was im Film funktioniert, das funktioniert auch im echten Leben. Aber dann natürlich Pustekuchen. So kommt es vereinzelt vor, dass sich ein Betroffener eben doch mal in die Schönheit verknallt, verliebt, mit Haut, Haaren und allem drum und dran, binnen Sekundenbruchteilen. Riskant, zweifellos, droht dem Betroffenen bei Nichterfüllung oder Nichterwiderung seiner jüngst geborenen Wünsche und Träume doch lebenslanges Unglück. Hölle auf Erden, lebenslange Verdammnis, ein Sommer ohne Erdbeereis. Qualen physischer aber vor allem psychischer Art, die Worte kaum zu beschreiben vermögen. Sollte dies einem Menschen passieren, so unwahrscheinlich es auch ist, dann kann man ihn gut und gerne einen Dummkopf nennen.
Und während sie so langfuhren, in dem uraltem Jaguar über die einsamen Straßen ländlicher Gegenden, von deren Ortschaften sie noch nie gehört hatten, wurde Herrn Vogel eines schmerzlich bewusst: Er selbst war ein solcher Dummkopf. Hans, ihr Chauffeur und ausgewiesener Frauenkenner, der hatte es kapiert, von Anfang an. In dem Moment, als die schwarzhaarige Schönheit ganz in rot ihnen beiden die Wohnungstür öffnete, hatte er Gott gedankt und stillschweigend dessen Präsenz genossen. Doch Herr Vogel hatte dies nicht zustande gebracht. Er war zu schwach, oder zu dumm. Er war das Opfer dieses seltenen Phänomens, dieses furchtbaren Umstandes, sich in die Perfektion verliebt zu haben. Sie hieß Anna. Und sie saß auf dem Rücksitz.
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Zum Auftakt des Ausgedachten ein Abschluss: was noch fehlte von den ersten Fassungen der Windmühlen. Damit wäre das Fragment dann vollständig.







„[…]
I’m not longing to hold
I’m not craving to touch you
I’m just blissful to be
In the same space that you’re in
I don’t know why my grace is leaving
I don’t know what your face is meaning
Often enough I bore your aching
Hoping to learn that you were faking
I don’t know why my grace is leaving
I don’t know what your face is meaning
[…]“
*Maximilian Hecker – The Space That You’re In
aus „One Day“[2009]