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I Am Legend oder die Feigheit Hollywoods

30. April 2009

Es fällt schwer, die ersten beiden Drittel von I Am Legend nicht zu mögen. Umso leichter fällt es aber, das letzte Drittel zu verdammen – und gut wie gerne für alles verantwortlich zu machen, was im modernen Hollywoodkino nicht stimmt. An dieser Stelle sei eine ausdrückliche Spoilerwarnung ausgesprochen – zur Kinofassung und zur alternativen Fassung.

I Am Legend / Bild von MovieGod.de
(I Am Legend / Bild von MovieGod.de)

Um aber vorne anzufangen: Die Buchvorlage von Richard Matheson habe ich nicht gelesen1, ebenso wenig kenne ich The Last Man on Earth (1964) und – Schande über mein Haupt – The Omega Man (1971). Dennoch wage ich zu behaupten, dass man nichts davon gelesen oder gesehen haben muss, um zu erkennen, was an I Am Legend nicht stimmt. Es genügt völlig, sich das alternative Ende, beziehungsweise die alternative Schnittfassung anzusehen.2

Die Kinofassung ließ mich ziemlich enttäuscht zurück. Das überhastete – und merkwürdige – Ende wirkte wie eine Verschwendung von Ideen und Potential. Überhaupt passte das nicht wirklich zusammen, diese ersten sechzig Minuten – die Atmosphäre im menschenleeren New York, die Charakterzeichnung der Einsamkeit Nevilles als des letztem Menschen – und die letzten dreißig, vorwiegend Action mit einem aus der Luft gegriffenen, moralinsauren Glaubensbekenntnis. Dann Handgranate und aus. Welt gerettet. Der furchtbare Epilog macht obendrein der Kinofassung von Blade Runner alle Ehre – und das ist kein Kompliment.

Kino-Fassung und alternative Fassung

Das Ende der alternativen Fassung3 ist dagegen nicht nur auf zwanzig Arten besser, es macht vor allem innerhalb der in den ersten beiden Dritteln aufgebauten Geschichte Sinn. Es ist kaum zu ermessen, welchen Einfluss diese Änderung hat. Es ist nicht einfach ein anderes Ende, es kein Happy End, nur weil Neville überlebt – genau genommen ist es sogar wesentlich tragischer, weil es der Geschichte einen zusätzlichen Tiefschlag verpasst. Ein Plot-Twist, wie er sein muss. Denn im alternativen Ende zeigt sich der „Alpha Male“ – Dash Mihoks Figur, der Anführer der „Darkseekers“ – nicht als der seelenlose Zombie, der mit seiner Gefolgschaft den letzten Menschen auch noch ausrotten will. Sein Eindringen in Nevilles Haus bekommt eine Motivation: es ist eine Rettungsmission, um seine von Neville gefangene Frau zurück zu holen. Im alternativen Ende erkennt Neville seine Rolle – und damit auch der Zuschauer:

Neville apologizes to them, which the Alpha Male acknowledges before the infected leave. He then looks at the photos of the infected he has experimented on and killed and realizes that he is the monster of their legends; the infected think of him as someone who hunts down and kills their people.4

Es ist Nevilles Moment der Wiedererkennung, der Erkenntnis – der Schmetterling – der dem alternativen Ende von I Am Legend die Wendung einer nahezu klassischen aristotelischen Tragödie verleiht. Und durch diese Erkenntnis ändert sich rückwirkend die gesamte Geschichte – alles, was vorbereitet wurde (die Fallen, warum der Alpha Male überhaupt ans Tageslicht geht), ergibt letztlich einen Sinn und fügt sich zusammen. Selbst der Titel des Films bekommt eine neue, tiefer gehende Bedeutung: in der Kinofassung ist Neville die leuchtende „Legende“ der Menschen, da er das Gegenmittel gefunden und sein Leben dafür gegeben hat. In der alternativen Fassung wird dies umgekehrt: dort ist Neville die dunkle Legende der Infizierten, der ihnen augenscheinlich nach dem Leben trachtet – und, wie sich rausstellt, tödliche Experimente an ihnen durchführt. Neville überlebt, bleibt aber gezeichnet von seiner Erkenntnis.
Das alternative Ende ist ein Meisterstück im Umgang mit der Zuschauerperspektive. Hier geht dem Wechsel dieser zusätzlich ein innerer Wandel des Protagonisten voraus: Neville erkennt diese andere Perspektive als neuen Blick auf die Dinge, und sieht das, was er getan hat. Hier liegt die gesamte Tragik der Geschichte verborgen, sowie alles, was darüber hinaus geht. Letztlich die Angst, die mit dem Fremden einhergeht. Er entschuldigt sich, weiß aber, dass ihm dies nicht gewährt sein wird – die Fotos an seiner Pinnwand führen allen Beteiligten (und dem Zuschauer) seine Taten nochmal vor Augen, nur unter dem erkennenden Licht eines anderen Blickwinkels. Es wäre das konsequentere Ende gewesen, eine vollständigere Geschichte, eine ohne Gewinner und ohne klare Zuordnungen. Nicht nur die x-te Hollywoodversion einer Endzeit-Dystopie mit klassischem, gutmenschlichen Helden.

Das Problem des Blockbusterkinos

Und genau deshalb ist es so schade, dass es das schlechtere der beiden Enden ins Kino geschafft hat. Insbesondere, da ursprünglich die alternative Fassung das geplante Ende war, man sich aber kurz vor Kinostart umentschieden hat. Die Gründe liegen auf der Hand: bei einem so teuren Film (geschätztes Budget: 150 Mio. USD5), da darf box-office-technisch wenig schief gehen. Jetzt ist natürlich das Ende der Kinofassung kein wirklich fröhliches – Neville opfert sich ja selbst im Dienste der Menschheit – doch ist es ein wesentlich positiveres: die Hoffnung für die Menschheit bleibt gewahrt durch das entdeckte Gegengift. Das Kino-Ende ist eine Art billiges Zugeständnis an ein Unhappy End. Doch ist es letztlich eines, das ein Denken in Gut/Böse-Schablonen förmlich absegnet. Der Twist der Schuldigkeiten in der alternativen Fassung, der letztlich auch den gesellschaftkritischen Aspekt des Films ausmacht, hätte auch filmisch gesehen entscheidende Durchschlagskraft besessen. Die alternative Fassung geht hier entscheidend in die Tiefe, birgt nicht nur das Potential einer tragischeren und runder konzipierten Geschichte, sie hätte eben auch die andere Seite, den anderen Blickwinkel geboten. Und das ist das Entscheidende: die einfachen Bahnen des Gut/Böse-Denkens würden aufgebrochen und stünden nicht als simple Lösung für ein kompliziertes Problem da. Aber exakt dieses Aufbrechen hat das Blockbusterkino seit jeher nur schlecht vertragen. In Folge wurde sogar nicht nur die Lösung vereinfacht, sondern das Problem gleich mit: Die Hollywood-Methode eine Geschichte zu erzählen.

Ich denke nicht, dass man die Buchvorlage kennen muss, um den Twist der Geschichte zu verstehen. Viele Erklärungen und Texte zum Film drehen sich ja um einen Buch-Film-Vergleich, die dann darauf hinaus laufen, was alles am Film nicht stimmt, klassisches Buch-Fan-Zeug. In meinen Augen ist das aber der falsche Ansatz. Wenn ein Film richtig gemacht ist, dann muss man keine Bücher gelesen haben, um die Tiefe einer Geschichte zu verstehen. Es ist in meinen Augen kein Problem der Übertragung einer Geschichte von Buch zu Film, sondern ist es viel mehr ein rein filmisches Problem, beziehungsweise eines des zeitgenössischen Blockbusterkinos. Ich meine damit nicht den viel gescholtenen Will Smith – dessen schauspielerische Leistung im Film ist großartig, und seine Funktion als Star-Vehikel sehe ich nicht wirklich als entscheidenden Einflussfaktor. Denn die Möglichkeiten wären da gewesen, viel schlimmer: sie wurden bei I Am Legend sogar umgesetzt (mit Will Smith), doch dann entschied man sich kurz vor Toreschluss lieber für die einfache Lösung. Die, von der man ausging, dass sie beim Publikum gut ankommt. Und da trifft man schon auf ein ganz anderes Problem: die Entmündigung des Zuschauers. Richtig erzählt, kommt die Geschichte beim Zuschauer an, und zwar bei jedem. Dass das Publikum diese simplen Geschichten bevorzugt ist ein Irrtum. Und letztlich beruht auf diesem Irrtum der allseits schlechte Ruf des Blockbusterkinos.

Um hier zum Ende zu finden: Der moderne Blockbuster gibt sich, als sei er nur dazu gut, visuelle Innovationen zu liefern und begnügt sich dagegen auf Storyebene damit, eingetretene Pfade abzuwandern. Doch ich wage zu behaupten (und zu hoffen): Wäre I Am Legend nach The Dark Knight veröffentlicht worden – wo man endlich die Cohones hatte eine anständige Geschichte zu erzählen und damit Erfolg hatte – dann hätte das Kinopublikum die alternative Fassung zu sehen bekommen.

Anmerkungen:

  1. Auf ausdrückliche Empfehlung von Läscher Lorenzen wird dies baldmöglichst nachgeholt
  2. In Text und Filmtills zu finden bei den Schnittberichten – wie hier auch da: Spoilerwarnung!
  3. „Alternative Fassung“, weil zwei weitere Sequenzen dem Kino-Ende zuliebe gekürzt wurden; das alternative Ende wird mit diesen beiden Sequenzen zusätzlich gestützt
  4. Wikipedia.com – I Am Legend (film)
  5. Quelle: Imdb

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One Response to “I Am Legend oder die Feigheit Hollywoods”

  1. LMB sagt:

    Ja. Stimmt.

    Also das alternative Ende habe ich noch nicht gesehen – aber das Kinoende war durch und durch enttäuschend. Im nachhinein habe ich das Buch gelesen; zum Buch bleibt zu sagen: es hat nicht viel mit dem Film zu tun; umso tragischer, denn der Film hat eigentlich nur die Idee des „letzten“ Überlebenden übernommen und die eigentlich wirklich wirkliche Idee des Buches nur in die alternative Fassung genommen. Das Buch ist nicht gut; also schon; aber nicht sprachlich, nicht der Aufbau ist gut; vieles langweilt, einiges nervt, doch die Idee – und die ist wohl in der Alternativfassung imminent – der „dunklen Legende“ bzw. die Feststellung „OMG, jetzt bin ich das Monster, denn ich bin alleine, ich bin Legende“ lässt das Buch herausstechen aus dem üblichen Sumpf der – achtung; ein Beweis, dass Buch und Film gänzlich verschieden sind (wir übersehen bitte auch, dass der Protagonist des Buches ein wahrer Hüne ist) – Vampir-SciFi-Bücher.

    Feige und – wie ich als laienhafter Zuschauer gerne sagen möchte – blöd.

    Ich mag Zombiefilme, ja. Und auch I am Legend reiht sich m.E. unter jene Zombiefilme ein – die ersten 2/3 sind diesbezüglich auch recht innovativ, nur das Ende erinnert nicht gerade an die Kritik die – obacht, ich behaupte das wirklich – sonst in Zombiefilmen (in den nicht ausschließlich splatterigen) zu finden ist.

    Mein Senf. Aber Buch gehört gelesen um zu sehen, dass das Buch parallel dazu erzählerisch vielleicht sogar schlechter als der Film ist, aber die Idee sich fortpflanzt und ausgesponnen werden kann. Trotzdem ein Bestseller. Also das muss man ja mal feststellen.

    Mein Senf – lümb

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