Eine Inzestgeschichte! Jetzt mal ehrlich, da schippt der in seiner ellenlangen Erzählung Geheimnis auf Geheimnis und was ist am Ende der Schlüssel zu allem? Eine Inzestgeschichte. Das ist in etwa so originell wie ein Telefonstreich im Radio. Dabei hab ich das Buch, knapp sechshundert Seiten, von denen es ohne Probleme hundert weniger hätten sein können, nicht nur wirklich gern gelesen, ich hab diesen „wahren Schmöker“ nahezu „verschlungen“ – um vor der Buchrückensprache anno 2003 den Hut zu ziehen. Fraglos ein Roman, den ich auch gerne weiter empfehlen würde, wäre ich nicht sowieso schon der letzte, der ihn gelesen hätte. Die Geschichte aber ist großartig, wunderbar erzählt, viele Ebenen und am Ende doch erstaunlich wenig Redundantes für so viel Epos. Auch ist das alles nicht eindeutig zuzuordnen, genretechnisch, anfangs schon gar nicht, bewegt sich im guten Sinne zwischen allen Stühlen und ist obendrein gelungen geschrieben, sprachlich, ganz eigener Humor, auch die Informationsvergabe, das kann auch nicht jeder, nichts vergessen, alles fein. Kurz gesagt, der Roman hat alles. Und weil er eben alles hat, hat er auch eine Inzestgeschichte.
Wie sich dann rausstellte, war die Enthüllung um die beiden Liebenden, die Halbgeschwister waren ohne davon zu wissen, nur eine von vielen und nicht das große, am Ende zu lüftende Geheimnis. Und damit war das auch alles nicht so schlimm. Letztlich zwar der Schlüssel zum Rätsel, aber dann doch nicht mehr als ein verkappter MacGuffin zum Aufbau oder vielmehr zur Auflösung von anderen Handlungssträngen. Und das ist jetzt wieder schön, weil das ganze war nicht das übliche Krimimaterial, es war ja nichtmal ein Krimi, sondern eine schön ineinandergreifende episch-dramatische Schicksalzufallgeschichte und am Ende wird eben doch nicht alles wieder gut. Dann aber schon. Wunderbar komplettes Finale.
Bei dieser Vielzahl an Handlungssträngen und figurentechnischen Ver- wicklungen, die allesamt die Gratwanderung zwischen Schablone und Glaubwürdigkeit meistern, fragt man sich aber doch: war das jetzt nötig, aus der ohnehin schon todtraurigen unvergessenen Liebe obendrein eine Geschwisterliebe zu machen?
Handlungstechnisch, nein. Bestsellertechnisch, vielleicht. Sensationen, Attraktionen. Bin dem Autor also nicht böse, warum auch, einen besseren Roman hab ich lange nicht gelesen. Aber zum John Irving reicht’s nicht so ganz, bei dem sind die Inzestgeschichten dann doch ein Stück eleganter.
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