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Das rote Kleid (Fragmente für die Welt! #1)

12. Mai 2009

Ein Augenaufschlag genügte, um ihm das Gehirn gleich zwei Etagen tiefer zu legen. Anfangs fragte er sich gar nicht, warum sich diese Frau, ja, diese wahre Dame so kam sie ihm vor, in einem fast leeren Überlandbus ausgerechnet ihm gegenüber setzte, es wären ja genug andere Plätze frei gewesen. Mit dem Gehirn in der Hose aber, da hält auch er sich schonmal für einen kleinen Don Juan, einen Begehrten, der die Chance nur ahnen muss, um sie zu nutzen. Hätte er die Gedanken ein bißchen fokussieren und übereinandergeschlagene Beine ignorieren können, seien sie noch so makellos und schlank und eingerahmt von feinstem Stoff, dann wäre ihm vielleicht die Skepsis gekommen. Nicht nur, warum diese Dame sich ausgerechnet neben ihn setzte. Vielleicht wäre ihm die ganze Szene komisch vorgekommen, mit rotem Kleid im Bus für Weitgereiste. Denn Weitgereiste haben immer viel Gepäck, tragen alles mit sich rum, einen Koffer vielleicht, Rucksäcke und Taschen und die liegen dann im Bus neben einem und warten drauf, dass man sie nach der Busfahrt wieder durch die Gegend trägt. Die Dame in rot allerdings, die trug nur eine kleine Handtasche mit sich, daraufgestickt eine kleine Rose. Und die fiel ihm auch nur auf, weil die Dame aus dieser Tasche einen kleinen Spiegel zog, sich kurz darin betrachtete und den Spiegel mit gekonnten Handgriffen wieder zuklappte und in einer perfekt choreografierten Bewegung verstaute. Gekonnt, dachte er sich da, alles was sie tut, das wirkt gekonnt und so elegant und anmutig. Es passte ins Bild, im Kleinen machte es alles Sinn. Diese Frau, wie sie sich gab, das machte Sinn. Aber der große Kontext, dass ihr Erscheinen am Sitz gegenüber eben überhaupt nicht ins Bild passte, das sah er nicht. Wie denn auch, wenn sich die Gedanken über das Kleid eigentlich immer nur auf das Darunter konzentrieren.

In einer weiteren ihrer perfekten Bewegungen drehte die Dame dann den Kopf, wandte sich ihm zu und sagte Guten Morgen, als würden sie sich seit zehn Jahren kennen. Gegrüßt wie ein alter Bekannter wünschte er ebenfalls einen Guten Morgen und dachte sich, wie wundervoll die Dame diese schlankschönen, scheinbar niemals in Füße mündenden Beine vor diesem Bussitz unterbrachte. Jeder weiß ja wie eng solche Busse heutzutage sind, auch dazu hätte man sagen können: elegant verstaut. Und schon wieder begann er nachzudenken. Darüber, wie er dieses Guten Morgen gerade gesagt hatte, welchen Unterton er dem Gruß verpasst hatte und ob überhaupt. Er hoffte natürlich, es klang nach einem charmanten Nett, ihre Bekanntschaft zu machen meine Gnädigste. Weil in Österreich, das fand er so toll, da gibt es sie noch, die förmlichen respektvollen Anreden wie sonst nur in alten Filmen. Doch mit einer gewissen Berechtigung fürchtete er, sein Guten Morgen klang weniger nach Meine Gnädigste und mehr nach Zu mir oder zu Dir?

ding

Aus den unfertigen Abenteuern eines gewissen Herrn Epstein. Er trägt Hüte und zu kleine Anzüge, reist aber sehr gerne; um mal wieder das Ausgedachte zu bedienen.

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2 Responses to “Das rote Kleid (Fragmente für die Welt! #1)”

  1. missflanders sagt:

    hej! ich schreibe auch grad bisschen an erzählungen und tu mir recht schwer damit. weil: schreibe ich in einem fluss, kommt mir das ergebnis zu banal vor… versuche ich mehr sprachqualität und gliedsätze reinzubringen, wirkts oft zu konstruiert. mir fällt wohl vor allem die übung! und vielleicht auch, ein besser name für meine protagonistin. gibert epstein ist geil.
    (muss mir dieses teenagevokabular abgewöhnen!)

  2. vogel sagt:

    Vielleicht sollten wir russischbrot mal wiederbeleben.

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