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Herr Klosterman, es tut mir leid. Über Chuck Klostermans „Downtown Owl“

20. Juni 2009

Chuck Klosterman - Downtown Owl - Scribner 2008 / Foto: C.S.

„Downtown Owl“ ist ein Roman. Dies scheint nicht unwichtig zu erwähnen, weder für diese Rezension, noch für Chuck Klosterman. Denn auf die Textgattung und ihren rein fiktionalen Charakter hinzuweisen – was auf den Roman-eröffnenden Seiten gleich mehrfach geschieht – ist zweifellos von Nöten, wenn der Autor bislang einzig durch die niedergeschriebene Inszenierung der eigenen Person in Erscheinung getreten ist. Klosterman, Journalist und Essayist und mein persönlicher Held, veröffentlichte bisher vorwiegend nichtfiktionale, meist autobiographische Textsammlungen („Sex, Drugs and Cocoa Puffs“) oder Memoiren („Fargo Rock City“), welche ihm den Ruf des ultimativen Nerds und Experten für US-Popkultur einbrachten. „Downtown Owl“ ist seine fünfte Buchveröffentlichung in acht Jahren und – wie mittlerweile klar sein sollte – sein erster Roman.

Doch scheint Klosterman den Roman nicht ganz so weit von der eigenen Person weggeschoben zu haben, wie die zahlreichen Hinweise glauben machen wollen. Denn allein: „Downtown Owl“ spielt in Owl, einem fiktiven 800-Einwohner-Nest im ländlichen North Dakota – wo sich Klosterman bestens auskennen dürfte, wuchs er doch in einem vergleicharen Ort im selben US-Bundesstaat auf. Auch die im Roman behandelten Themen sind für Klosterman keine unbekannten, bleibt er auch dort dem „write what you know“-Grundsatz treu: Landleben, High School Football, Erwachsenwerden, Musik. Diese behandelt Klosterman in „Downtowl Owl“ anhand dreier Protagonisten, die abwechselnd die Handlung der recht kurzen Kapitel bestimmen: Mitch, ein High School Quarterback, der lieber schläft als Football spielt. Julia, eine junge Lehrerin, die gerade nach Owl zog. Und Horace, ein Rentner und Witwer, dessen tägliche Routine vom Cafébesuch in der Stadt bestimmt wird. Anhand dieser drei Figuren erzählt Klosterman episodisch vom Leben in der verschlafenen Kleinstadt, und versucht die Zusammenhänge beziehungsweise Nicht-Zusammenhänge an einem Ort herauszustellen, in dem jeder über jeden Bescheid weiß, doch niemanden den anderen kennt. Klostermans Protagonisten erfüllen entsprechende Rollenmodelle und werden mit jeweils individuellen Aufgaben hinsichtlich der Handlungskontruktion betraut: Horace‘ Geschichte symbolisiert das Alt-Eingesessene, liefert teils anekdotisch die Hintergründe zum Leben in Owl. Mitch dagegen erlebt das Erwachsenwerden an diesem eigensinnigen Ort, den Julia – die dritte im Bunde – aus der Perspektive einer kiffenden Großstädterin erst entdecken muss. Diesen drei Charakteren, die offensichtlich nichts gemeinsam haben und deren Wege sich nur peripher kreuzen, scheint nur eines gemeinsam: die Stadt Owl. Ein wirklicher Plot findet sich nur in den Julia-Kapiteln: ihr Umzug in die Stadt, das Kennenlernen der Gepflogenheiten, ihr Job als Lehrerin und ihr zunehmender Alkoholismus bei latenter Depression und dem Wunsch, einen Partner zu finden. Die Kapitel über Mitch und Horace werden dagegen von assoziativen Gedankengängen über das Älterwerden und Football bestimmt. Auch aufgrund dieser Handlungs- und der oftmals daraus resultierenden Spannungsarmut der einzelnen Erzählstränge wird jedoch eines deutlich: Die eigentliche Hauptfigur ist die Kleinstadt Owl. Klosterman versucht einen episch erzählten Flickenteppich aus Anekdoten und Kurzgeschichten zu schustern, der ergänzt durch ebenso zahllose wie letztlich unwichtige Nebenfiguren eine Annahme wiederholt unterstreicht: Owl ist ein merkwürdiges Nest – und deshalb eine ganz normale kleine Stadt.
Eingefasst wird die Handlung, welche sich über den Zeitraum zwischen August 1983 bis Februar 1984 erstreckt, von zwei Zeitungsmeldungen: Als Prolog dient eine (fiktive) Zeitungsmeldung über einen tödlichen Blizzard, auf welche die Kapitel zulaufen und die wie ein dunkler Schatten über der Erzählung liegt. Thematisch beschreitet Klosterman auch hier bekanntes Gebiet: Er beschreibt die Normalität als Einzelschicksal im Zusammenhang eines größeren Ganzen – was durch die Zeitungsmeldung im Epilog nur unterschrieben wird. Letztlich tauchen Fragen nach Identität und Selbstdefinition in unterschiedlichen Lebensabschnitten auf. Es geht um Erinnerung, um Nostalgie – und die hängt meist an bestimmten Orten. Orten wie Owl. Auch wenn dort eigentlich nie etwas passiert.

Auf dem Papier scheint Klostermans erster Roman ein stimmiges Bild. Er bedient sich einer Erzählstruktur, die an Episodenfilme von Richard Linklater oder Robert Altman erinnert – ausgelegt auf die nicht offensichtlichen Zusammenhänge, ohne dabei eine große Skandalschau zu betreiben. Doch dies funktioniert in der Umsetzung nicht ganz reibungsfrei. Als Hauptproblem erscheint letztlich der Autor Klosterman selbst, beziehungsweise seine Sprache und sein Erzählstil, denn dieser bleibt stets dem für ihn typischen Essayistischen verhaftet. Dass diese Art zu Schreiben in Klostermans journalistischen Texten, gepaart mit Sarkasmus und pointiertem Witz, bestens funktioniert, steht außer Frage. Doch ist dies nunmal ein vorwiegend kommentierender und beschreibender Stil, kein erzählender. „Downtown Owl“ liest sich letztlich wie jedes andere Buch von Chuck Klosterman, was auch daran liegt, dass signifikante Merkmale seines Stils, wie beispielsweise die expliziten Aufzählungen, gepflegt werden wie eh und je. Dass dieser sehr eigene Stil leider gar nicht zum hier versuchten Roman passt, wird insbesondere an den Stellen deutlich, an denen Klosterman den kommentierenden Musikjournalisten nicht hinterm Berg halten kann: So mag es vielleicht richtig sein, dass dieser oder jener Charakter diese oder jene Band nie gehört hat und nie hören wird, aber ist es auch wichtig? Dass Klosterman diese Bands kennt und auch um ihre Bedeutung weiß, das hat er mehrfach bewiesen. Doch nicht immer funktioniert sein Wissen auch im Kontext dieser Erzählung – manchmal wirkt es einfach fehl am Platz und – eigentlich unglaublich, dass ich dies mal Klosterman schreibe: aufgesetzt. Es wirkt wie der Versuch, den als eigen geglaubten Stil in eine andere Textgattung zu übertragen, wobei aber leider Form mit Inhalt verwechselt wurde.

Dabei kann Chuck Klosterman erzählen. Das hat er in der Vergangenheit mit lesenswerten Reiseberichten wie „Killing Yourself to Live“ oder dem „Something that isn’t true at all“-Kapitel aus „Chuck Klosterman IV“ (einer Essay- und Artikelsammlung) bewiesen. „Downtown Owl“ scheint als Roman der logische nächste Schritt, das Zusteuern auf einen rein fiktionalen Text, was letztendlich leider nur bedingt gelingt. Der epische Flickenteppich aus Anekdoten und Skizzen ergibt, abgesehen vom Sprachlichen, zwar ein weitgehend stimmiges Bild. Doch fügt sich als Erzählung nicht so zusammen, wie es zu erhoffen blieb. Dies betrifft einerseits die angesprochene Handlungs- und Spannungsarmut, doch Klostermans erster eigenständiger Roman scheitert letzten Endes an etwas anderem – und dies sind ironischerweise exakt denselben Qualitäten, die seine bisherigen Texte ausgemacht haben: die eigene Person. Und wie die Nostalgie seine Figuren bestimmt, so kann auch Klosterman letztlich die schreiberische Vergangenheit nicht abschütteln.

ding

Chuck Klosterman – Downtown Owl. Scribner: New York 2008. ISBN: 1-4165-4418-6. Preis: 20,99 Euro. 288 Seiten

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2 Responses to “Herr Klosterman, es tut mir leid. Über Chuck Klostermans „Downtown Owl“”

  1. missflanders sagt:

    killing yourself to live gestern in einem kleinen buchladen in ed hardy version um 10 euro gesehen. rosa und so. ironie? oder konnte er dagegen nix machen? mochte jedenfalls altes cover lieber, konservativ wie ich bin! hätt ich nicht schon zuviel kram, hätt ichs trotzdem gekauft.

  2. vogel sagt:

    Jap, „Ed Hardy Version“ triffts, da war die alte besser mit Gitarre als Grabkreuz. Und „Fargo Rock City“ hatte diese tolle Kuh. Dennoch, zumindest was das Cover angeht ist „Downtown Owl“ ungeschlagen – wobei dem schlichtschönen Schwarzweiß von „IV“ ein Ehrenplatz in jedem Bücherregal gebührt

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