Richard Linklater begann mit den Dreharbeiten zu Slacker im Jahr 1989, und es sollte gut zwei Jahre dauern bis der Film nach kleineren Festivalgastspielen veröffentlicht wurde. Vor Slacker hatte Linklater lediglich einen Kurzfilm über ein lokales Musikfestival in Austin gedreht (Woodshock, 1985), und 1988 quasi im Alleingang seinen ersten Film im Spielfilmlänge verwirklicht: It’s Impossible to Learn to Plow by Reading Books.

(Slacker / The Criterion Collection)
Slacker war Linklaters erste professionelle Filmproduktion – mit einem Budget von 23.000 US-Dollar und einer zehnköpfigen Crew am Set. Auch war Slacker Linklaters erste Zusammenarbeit mit Kameramann Lee Daniel, seinem WG-Mitbewohner und Kollegen der Austin Film Society.
Dramaturgie und andere Experimente
Wie vielen von Linklaters Filmen liegt auch Slacker eine experimentelle Idee zugrunde, in diesem Fall eine dramaturgische: „Keine Handlung, keine Protagonisten, keine Spannung. […] Linklater kehrt das Motiv hinter fast jeder Hollywood-Erzählung um und komponiert seinen Film komplett aus zufälligen Szenen“, beschreibt Chris Walters den Film in seinem Text „Freedom Is Just Another Word For Nothing To Do“.1 Die Kamera und somit der Zuschauer folgt einem oder mehreren Charakteren auf ihrem Weg durch die texanische Studentenstadt Austin, beobachtet und lauscht Gesprächen, trifft dann jemand anderes und folgt dann diesem für eine gewisse Zeit. Den Anstoß zu dieser Kette von Handlungen gibt Linklater als Schauspieler selbst: Seine Figur fährt vom Bahnhof in die Stadt und erzählt dem Taxifahrer in einem für Slacker typischen Monolog von seiner Theorie über Realitäten und die Folgen von Entscheidungen: Sobald eine Entscheidung und deren Folgen zur Realität werden, werden andere mögliche Folgen ausgeschlossen, existieren jedoch in Parallelwelten weiter. Auf Basis dieser eingangs formulierten Idee spinnt sich der gesamte Film fort: Das Leben der Beteiligten existieren weiter, auch wenn sie nicht (mehr) im Bild sind, weshalb auch kaum eine der Geschichten zuende erzählt wird. Die Kameraführung fügt sich hier ein. Sie schwenkt von Situation zu Situation, begleitet ohne sich aufzudrängen. Minutenlange Einstellungen ohne einen einzigen Schnitt kennzeichnen Linklaters Inszenierung und bilden auf diese Weise eine homogene, fließende Bild- und Erzählfolge mit ganz eigener Dynamik. Wie die Bilder scheinen auch die Geschichten zumindest oberflächlich zusammen zu hängen und beeinflussen sich bedingt. Linklater zeichnet eine zusammenhängende Welt in der zwischenmenschliche Interaktion im Vordergrund steht, was aus Slacker das konzeptionelle Gegenstück zum Vorgänger Learn to Plow macht, der sich hauptsächlich mit sozialer Abkopplung und der Einsamkeit des Protagonisten befasste. Bezeichnend ist hier allein die Zahl der Dialoge: die ersten zwei Minuten Slacker enthalten mehr Text als Learn to Plow insgesamt.
Slacker-Lifestyle
Im Audiokommentar zu Slacker erklärt Linklater die Ursprünge der zahllosen Episoden oder Teilepisoden im Film, an denen insgesamt über 100 Schauspieler beteiligt waren. Einige basieren auf Short Stories von Bekannten und Freunden, viele hat Linklater selbst erlebt, andere wurden komplett improvisiert. Linklater verwebt sie eine 100-minütige Tour durch die Studentenstadt Austin und thematisiert die Ausprägungen eines Lebensstils, der sich prinzipiell um das kreative Nichtstun dreht: Das Slackertum. Die Figuren werden hierbei nicht als faul abgestempelt – und das betont Linklater – für ihn steht es für ein alternativen Lebensstil, der sich von der Ellbogen-spitzenden Leistungsgesellschaft abhebt. Jeden der Charaktere zeichnet etwas aus: die Kreativität und ihre skurrilen Blüten – und insbesondere das Reden darüber – scheinen Linklaters Hauptinteresse. Und so führt die Stadtreise im Film aus dem Taxi zu einer vom Auto angefahrenen Frau und deren Sohn, zu UFO- und JFK- Verschwörungstheoretikern, einem Nelson-Mandela-Aktivisten, einem missglückten Einbruch und einem in die Jahre gekommenen Anarchisten. Mit Einbruch der Nacht zieht es die Menschen in Bars und Clubs, eine Band spielt vor sechs Zuschauern, zwei junge Männer zählen die leeren Bierflaschen auf dem Tisch. Mit den ersten Sonnenstrahlen wachen die einen auf, die anderen gehen ins Bett und wieder andere verlängern die Nacht mit einem Ausflug an den See, wo der 24-Stunden-Streifzug durch Austin schließlich ein Ende findet. Es ist eine Welt in Bewegung – und auch wenn die Kamera jetzt weg schaut, die Charaktere existieren in Linklaters Kosmos scheinbar weiter.
John Pierson beschrieb die unterschiedlichen Reaktionen auf Slacker in seinem Essay „Slacking Off“ folgendermaßen: „Das Publikum zerbrach in Drittel. Ein Drittel liebte den Film, ein Drittel verließ den Saal und ein Drittel schlief ein.“2
Slacker mutet heute wie ein filmisches Experiment an. Ein Film ohne konventionelle Story, ohne konventionelle Charaktere – der sich jedoch nicht wie der klassische Episodenfilm wie ein Puzzle zusammen fügt, sondern eine Welt in ruhig-fließender Bewegung präsentiert.
Anmerkungen:
- Zu finden im Booklet der Slacker Criterion Collection DVD, Onlineversion hier; Übersetzung von mir; CS. ↩
- Im englischen Original ebenfalls nachzulesen im Booklet der Slacker Criterion Collection DVD; Update: Onlineversion hier ↩
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