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Das Akkordeon

06. Juli 2009

Über Josef Winklers Rede „Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär“, gehalten anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises am 1. November 2008 in Darmstadt.1

Worum es geht: Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung. Doch sind diese zwölf Druckseiten das Beste, was ich seit langem gelesen habe. Gut, das zu sagen ist natürlich übertrieben und dient der dramaturgisch selbstverständlich außerordentlich durchdachten Exposition dieser Zeilen. Aber dennoch: gerade jetzt, zu dieser Zeit, klingt es nach zuviel des Lobes, Winklers Text an die Spitze meiner aktuellen Leseliste zu stellen, denn mir sind in den letzten Wochen und Monaten komischerweise viele wirklich gute Bücher in die Hände gefallen. Unverhältnismäßig viele, würde ich behaupten, auch wenn dies wohl nicht jeder, schon gar nicht Josef Winkler, tun würde. Vielleicht aber, und das ist sehr warscheinlich der näher liegende Grund, bin ich derzeit auch nur leicht zu beeindrucken. Vielleicht auch, weil ich selbst mal wieder versuche zu schreiben, ein bißchen hier ein bißchen da ein bißchen was in Planung, und überall nach guten Gründen suche, das alles am besten bleiben zu lassen. Gute Gründe wie Josef Winkler zum Beispiel, dessen Preisrede anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises 2008 – um es nochmal zu sagen, auch wenn es nur halb stimmt – das Beste ist, was ich in letzter Zeit gelesen habe.

Und beim zuletzt Gelesenen war durchaus Großartiges dabei, zum Beispiel Saša Stanišićs „Wie der Soldat das Grammofon repariert“, dessen wundervolles Kapitel über das Fußballspiel im Jugoslawienkrieg, zwischen der kriegerischen Routine und dem spielerischen Match zweier Gegner, die mehr gemeinsam haben als ihnen lieb ist, zum Niederknien gut ist. Man sieht, auch von Stanišić habe ich mich sehr beeindrucken lassen. Doch es war auch weniger literarisch Hochwertiges dabei, wie manch einer und womöglich Josef Winkler urteilen würde, denn es handelte sich vorwiegend um Unterhaltungsliteratur, erbauliche Romane geschrieben vom Teufel, beziehungsweise von Carlos Ruiz Zafón („Der Schatten des Windes“) oder Alexander Osang („Lennon ist tot“) oder Wolf Haas („Wie die Tiere“). Doch alle diese literarisch nicht an diese oder jene Schriftsteller im Allgemeinen oder französische Existenzialisten im Speziellen heranreichenden Autoren, sie alle haben etwas gemeinsam, und zwar etwas, das ich persönlich als überaus wahr empfinde, auch wenn es wahrscheinlich nur in meinem Kopf existiert: nämlich die Vorstellung, dass ich selbst alle diese Bücher nicht hätte schreiben können. Man mag natürlich böszungig behaupten, dass ein jeder, der einen Satz geradeaus schreiben kann, Alexander Osangs „Lennon ist tot“ hätte verfassen können – und auf rein sprachlicher Ebene mag das von mir aus auch zutreffen. Doch Nein. Jedes dieser Bücher, auch „Lennon ist tot“, besitzt für mich irgendein einzigartiges Element, auf irgendeiner Ebene, welches ich nicht zu Stande oder zu Papier gebracht hätte. Das kann ein einziger Satz oder eine einzige kleine Idee sein, die ausreicht, um mich zu beeindrucken, unwichtig ob im Kontext der Unterhaltungsliteratur, des Kriminalromans oder auch einer Büchner-Preisrede. Und um bei letzterer und Josef Winkler wieder anzuknüpfen und auf die Aufgabenstellung dieses Textes zu sprechen zu kommen: „Fassen Sie die Ihrer Meinung nach wichtigsten Aussagen zusammen!“
Dazu später mehr.

Ich sitze also im Deutschunterricht zehnte Klasse und mein Deutschlehrer, der mit seinem grauen Stoppelbart und den kurzen blondgrauen Haaren aussieht wie Reinhard Mey ohne Gitarre, lobt meinen Aufsatz über Ethik und Philosophie im katholischen Religionsunterricht und sagt: „Das war hervorragend, ich gebe dir eine Vierminus!“ Er fügt mit ebenso entschiedener Stimme hinzu, während er sich mit einem Bleistift im sockenlosen Schuh rumstochert, dass ich zwar sehr schön schreibe, aber leider das Thema komplett verfehlt hätte und er mir eigentlich eine Fünf geben müsste. Ich solle sowas bloß nicht wieder tun, denn ich würde zwar, Bleistift, Schuh, keine Socken, sprachlich sehr sicher formulieren, aber auf der anderen Seite sei ich auch kein Büchner, kein Camus und schon gar kein Josef Winkler und solle mir bloß nicht einbilden, mit ein paar netten Formulierungen sei man bereits ein Autor. Fakten, Argumentation, darum ginge es und das hier ist immer noch der Deutschunterricht der zehnten Klasse und wie soll er mich auf den harten Ernst des Lebens, wieder Bleistift, Schuh, keine Socken, entsprechend vorbereiten, wenn ich in einem argumentativen Aufsatz über das Für und Wider von Ethik und Philosophie im katholischen Religionsunterricht darüber sinniere, wie meine Mutter in der Küche Brotteig knetet.
Ich sage: Aber.
Er fragt: Was.
Ich sage: Kinder und Betrunkene sagen immer die Wahrheit!

Reinhard Mey trägt von meinem Aber unbeeindruckt mit eben jenem Bleistift, den er mit einer blitzschnellen Bewegung aus seinem sockenlosen Schuh zog, eine Vierminus in sein Notenbuch. Dann greift er beherzt zu seinem Koffer unterm Pult, aus dem er eine Gitarre hervorzieht und beginnt, eine leise Melodie zu zupfen. Schließlich bricht er leise und lächelnd in Gesang:
„Wenn ich betrunken bin, dann merkst du nichts davon. Dann seh nur ich den kleinen Mann mit dem Akkordeon. Der spielt so überirdisch schön, so rein und so kristallen. Da muß ich wie ein Schlosshund heuln und gleich ins Koma fallen. Und dann seh ich ein Rudel Fabeltiere mich umringen, ein Dutzend haar‘ge Burschen, die aus voller Kehle singen, ‚Nen schleppend, schleim‘gen Schlager, ja tatsächlich, vor mir stehn zwölf Yetis und brummen: Ich hab Reinhold Messner gesehn… Manchmal glaub ich, ich seh zuviel, manchmal glaub ich, ich spinn! Wenn ich betrunken bin.“ 2
Da war er also, mein Carlos Zafón, mein Chuck Klosterman, mein Nick Hornby, mein Wolf Haas, mein Teufel des Erbaulichen, der Teufel des Unterhaltenden. Aber da war noch ein anderer, viel schlimmerer Teufel, viel mehr mein Saša Stanišić, mein John Irving, mein Jura Soyfer und: mein Josef Winkler. Nicht selten aber war es auch ein Teufel im vielbesungenen Detail, der gefürchtete, von dem ich mich immer habe beeindrucken lassen, einer, der zwischen den schönsten Zeilen dieser Welt schläft, mein betrunkener Mann mit dem Akkordeon, der immer ein bißchen mehr sieht als er sollte und mich müde belächelnd angrinst: Das kannst Du nicht. Das wirst Du niemals können.
Ich also ging Fußball spielen.

Halbzeitpause beim Stand von Null zu Eins, Wahl der Waffen, Josef Winklers Preisrede zum Büchnerdings. Ich sehe zweihundert Schachtelsätze, von denen einer schöner und nachklingender ist als der nächste, und ich bin so hin und weg, dass ich am Ende der zwölf Seiten keine Ahnung habe, wovon Winkler überhaupt gesprochen hat. Der Mann mit der Gitarre tadelt, ich habe mich wieder beeindrucken lassen und das zwar durchaus zurecht, doch hier komme es jetzt auf die Fakten an und auf das, was gesagt wurde, denn es gelte, die zentralen Aussagen auf zwei bis fünf Seiten zusammen zu fassen, wurschtegal wieviele Akkordeons ich hören würde, wenn ich Winklers Rede läse. Nun bin ich an einem Punkt in der Dramaturgie dieses Textes angelangt, an dem ich mich still aber deutlich fragen muss: Hat es funktioniert? Kam das, was ich über Winklers Rede sagen wollte, schon ausreichend raus? Denn selbstverständlich, ich habe diese zwölf wundervollen Seiten erneut gelesen, befinde sie für das sprachlich Schönste überhaupt, glaube auch nicht, dass ich diesen Text jemals schlagen kann, glaube aber, dass ich diesen Text schlagen muss. Und zwar zum Ritter. Ich ohrfeige ihn zum Ritter der Borniertheit. Ich denke nicht, dass dies bisher erreicht wurde, ich möchte aber diese Übung bestreiten, ohne die Forumulierung „Winklers wichtigste Aussagen sind“ zu verwenden. Anpfiff zweite Halbzeit.

Ein tausend Seiten langes Tagebuch, sagt Josef Winkler und der Mann mit der Gitarre nickt mir ermutigend zu, dies sei doch mal ein Anfang, mit dem man arbeiten könne. Ein Tagebuch also, tausend Seiten lang, das habe geschrieben werden müssen, um die ersten Sätze hervorzubringen, die es wert gewesen seien, umformuliert oder zerstört zu werden. Erst dann, zwischen Venedig und Klagenfurt pendelnd, das erste Romanmanuskript. Winklers Anspruch an sich selbst und an die anderen, nach dem er die Großen las und sich vor ihnen verneigte, verbietet es ihm, so klingt es, Unterhaltungsliteratur zu lesen. Selbstmordgedanken seien sein täglich Brot gewesen, sagt Winkler und ich denke an das tägliche Selbstmordbrot eines jeden anständigen Künstlers, dieses verachtenswerte Gehabe der Talentierten, die Auslotung von Leben und Tod suchend, wie eben Josef Winkler es beschreibt, als sei es die Grundvoraussetzung zu etwas Lesenswertem und als würde es überhaupt irgendeinen Unterschied machen. Ich, näher am Leben als am Tod gelegen, glaube nicht daran und fühle mich zu einer pathetischen Aussage genötigt, weil an einen Punkt gebracht, an dem es nicht mehr Gelassenenheit ankommt. Denn ich glaube nicht an die Selbstüberschätzung der Existenzialisten und schon gar nicht an die ihrer Kinder. Ich glaube auch nicht an schmückende Adjektive und an Landschaftsbeschreibungen, für welche mir mein Leben schon zu kurz war als ich in der Küche sitzend schlechte Kinderbücher las, während meine Mutter Brotteig knetete. Doch ein Satz aus den von Winkler Zitierten geht mir nicht aus dem Kopf: „Wenn du ein Buch lesen willst, dann schreib es erst!“
Damals wie heute, ich glaube an mein Aber, das von Nöten scheint, wenn es nur ein bißchen zu sehr provoziert wird. Ich glaube an das Akkordeon, das erklang, als ich Winklers Text las. Und es ertönte die Stimme, die zwischen den Zeilen schläft, und sie gehört, wie sich am Ende herausstellt Winkler selbst, der sich versteckt hält hinter den gelesenen Großen und selbstgefällig grinst: Das kannst du nicht. Das wirst du niemals können. Und – ich komme nun zum Ende – Josef Winkler, du hast natürlich Recht und, natürlich, du weißt bescheid.

Aber:

„Ich sage du lügst, tut mir leid.
Gib es zu, du warst im Nana Mouskouri Konzert,
Ich hab dich gesehen mein Freund.
Gib es zu, du warst im Nana Mouskouri Konzert,
Ich war auch da und du hast geweint.“

(Funny van Dannen3)

ding

Ich war nicht sicher, in welche Kategorie dieser Text gehört. Habe dem Ausgedachten aber den Vorzug gegenüber den Notizen gegeben, da der Text zwar eine Notiz zu Winklers Rede darstellt, Form und Inhalt aber eindeutig dem Fiktionalen entsprechen. Nicht dass noch jemand glaubt, mein Deutschlehrer hätte Reinhard Mey gespielt.

Anmerkungen:

  1. Als PDF online abrufbar auf deutscheakademie.de unter Josef Winkler, 2008. Sehr lesenswert übrigens.
  2. aus Reinhard Mey – „Wenn ich betrunken bin“, erschienen auf Einhandsegler, EMI 2000
  3. aus Funny van Dannen – „Nana Mouskouri“, erschienen auf Clubsongs, Trikont Indigo 1995

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