Es gibt viele gute, aber es gibt nur wenige wirklich großartige Titelsequenzen. Und zwei davon hat – ich weiß, es klingt komisch – Zack Snyder gemacht. Ausgerechnet jener Zack Snyder, dessen Filme (Dawn of the Dead, 300, Watchmen) sich vorwiegend dadurch auszeichnen, dass sie maßlose Brutalität detailliert zur Schau stellen und eher wenig Respekt vor Zuschauermägen zeigen. Snyders Kamera schaut dort hin, wo andere wegschauen würden. Zombies, Streitäxte, Frittenfett: Snyder zeigt, und entspricht damit einer (seiner!) Generation junger Regisseure, denen allgemein wenig daran gelegen ist, filmische Grausamkeiten nur in den Köpfen der Zuschauer entstehen zu lassen. Zu diversen Streitfällen dieser neuen Mainstream-Brutalität wie Saw, Hostel und Co. war auch der Vorwurf nicht weit, hier würden lediglich Gewaltpornos fabriziert. Doch wie immer man zu Gewalt auf der Leinwand steht, Snyders Filmen kann man durchaus zugute halten: Visuell sind sie allererste Güte.

(Watchmen – Die Wächter / Bild von MovieGod.de)
Und zwei dieser Filme, das Romero-Remake Dawn of the Dead und der noch recht frische Watchmen, so diskussionwürdig sie auch sein mögen, besitzen darüber hinaus mehr oder weniger geniale Titelsequenzen, die als bester Gegenbeweis für den oft gefallenen „Style over Substance“-Vorwurf gelten dürften.1 In beiden Fällen entwirft Snyder filmische Collagen, die den Zuschauer schrittweise in das fiktionale Filmuniversum hineinziehen. Es sind jedoch nicht die klassischen Strategien der Immersion. Viel mehr imitiert Snyder bekannte Repräsentationsformen, um sie letztlich zu brechen und für seine Zwecke zu nutzen.
„And hell followed with him“
Es geht um Zombies, die auf der Erde wandeln und die wenigen überlebenden Menschen zu Galliern gemacht haben, die sich – mit allerlei Schusswaffen als Zaubertrank – der römischen Übermacht erwehren. Das Opening von Dawn of the Dead zeigt den „historischen“ Werdegang bis zur Ausgangslage der Geschichte – und spielt hier stark mit der Ästhetik des Dokumentarfilms und des TV-Journalismus. Snyder bastelt einen Flickenteppich aus Archivbildern und solchen, die so aussehen sollen. Dass bei diesen Bildern auf den ersten (oder auch auf den zweiten) Blick nicht echt von inszeniert zu unterscheiden ist, bedient vorzüglich Snyders visuelles Konzept.2 Hauptinformationsquelle sind fiktionale Nachrichtensendungen, die über die zunehmend aussichtslose Lage informieren und Kurzeinspielungen von schreienden, blutüberströmten Zombies. Snyder entwirft eine stimmiges Bildkonzept, das mit der Glaubwürdigkeit dokumentarischer Bilder arbeitet, und immer wieder durch auftauchende Untote, Geschrei, Blut und Chaos gestört und gebrochen wird.
Unterlegt wird das alles mit Johnny Cashs Apokalpyse/Bibelzitate-Referenzfeuerwerk „When The Man Comes Around“,3 was einerseits distanzierende Ironie schafft, gleichzeitig aber verzerrend bizarr wirkt. Dies verleiht dem Opening eine Videoclip(ähnliche) Ästhetik, welche die Doku-Bilder wiederum konstrastiert. In Zack Snyders Bild- und Tonlandschaft scheint recht bald offensichtlich, dass in dieser Welt ist etwas ganz furchtbar aus den Fugen geraten ist.
„Don’t speak to soon, for the wheels still in spin“
Eine ähnliche, wenn auch subtilere Strategie der historischen Nacherzählung verfolgt Snyder in der Titelsequenz von Watchmen. Es kommt hinzu, dass er hier über das Vorwissen der Zuschauer in Form medialer Darstellungspraxis (Dokus, Nachrichten) hinaus geht, und einen direkten Bezug zum historischen Referenten herstellt. Snyder bedient sich an Szenen des kollektiven medialen Gedächtnisses und deren Repräsentation (der Mondlandung, dem Kennedy-Attentat, etc), die er zum Zweck einer fiktionalen Erzählung mit einer neuen Bedeutung bespielt.4 Snyders Kamera zeigt diese Reenactments und schafft durch Zusätze und scheinbare „Enthüllungen“ einen neuen Kontext für die Bilder. Gleichzeitig etabliert die Opening-Sequenz die Bedeutung der Protagonistengruppe und betont schon hier ihre kontroverse Rolle. So zeigt sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts für den Film neu aufgelegt.
Das Opening von Watchmen präsentiert, ähnlich dem von Dawn of the Dead, die uns bekannte Welt in einem Was-wäre-wenn-Szenario. Dass dieses jedoch nicht gleich offenbart wird, ist Teil des Konzepts: Erst nach und nach wird der Zuschauer in die fiktionale Welt der Watchmen eingeführt, hineingezogen, durch das Brechen der Erinnerung an bekannte Szenen. Ein bißchen wie Forrest Gump im Comic-Filter.
Was in Dawn of the Dead „The Man Comes Around“ von Johnny Cash, ist hier „The Times They Are A-Changin‘“ von Bob Dylan: Mehr als nur musikalische Untermalung, bringt der Song eine neue Ebene in die ohnehin schon zahllosen Referenzen des Vorspanns. Der Auftakt zum hundertsechszig Minuten stolzen Watchmen ist dank Dylans Musik gleich nostalgisch, gleich ein Rückblick. Doch ist es kein Heldenportrait. In den verschiedenen, größtenteils in (Super-)Zeitlupe gezeigten Bildern, beschleicht einen zunehmend leise Irritation: Trotz dem Bekannten ist das nicht unsere Welt, nicht die, die wir kennen. Und eine bessere ist es auch nicht. Wie in Dawn of the Dead zeigt Snyder auch hier wird eine Welt aus den Fugen, die aber ihr neues Gleichgewicht schon gefunden hat.
Schöne neue Welt
In beiden Titelsequenzen wird der Zuschauer nach und nach in das Filmuniversum hineingezogen, begleitet von ihm bereits bekannten, schrittweise umgedeuteten und mit neuer Bedeutung bespielten Eckpfeilern der außerfilmischen, historischen Wirklichkeit. Beide Auftakte sind Rückblenden, die das Setting und die Ausgangslage der Handlung durch ihre epische Breite und Snyders Arrangements meisterlich etablieren.5 In Dawn of the Dead nutzt Snyder die Ästhetik des Dokumentarfilms und die Modi von TV-Journalismus. In Watchmen spielt er mit den Bildern des kollektiven medialen Gedächtnisses und (selbstreferenziell) mit Popkultur-Ikonografie. Es sind zwei großartige Titelsequenzen, die zwar ähnlich arbeiten, aber auf ganz unterschiedliche Weise – und das darf man auch nicht vergessen – visuell beeindrucken.
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Anmerkungen:
- Zum (Nochmal-) Anschauen eignet sich übrigens YouTube ganz hervorragend. ↩
- Die Herkunft von Bildern ist, wie auch die jeweilige Beschaffenheit und der Einsatz von nachgestellten Szenen, in der Dokumentarfilm- wie in der Dokudrama-Forschung viel diskutiert. ↩
- Wer nach Informationen zu Textanleihen und Interpretationen sucht, wird auf der Wikipedia-Seite fündig. ↩
- Drehli Robnik spricht in Bezug auf Stalingrad (J. Vilsmaier; 1993) von der „Neu-Bespielung eines Gedächtnisorts“ durch dessen filmische Repräsentation. Robnik, Drehli: „Verschiebungen an der Ostfront. Zu den Bildern des Vernichtungskrieges der Wehrmacht in bundesdeutschen Spielfilmen“. In: zeitgeschichte 3, 31. Jahrgang. 2004. S. 198.
Thematisch eng verbunden mit dem Ansatz der „Neu-Bespielung“ ist Tobias Ebbrechts Argumentation bezüglich der Fiktionalisierung von Geschichte im zeitgenössischen ‚Historischen Event-Fernsehen‘ . Siehe Ebbrecht, Tobias: „History, Public Memory and Media Event. Codes and Conventions of Historical Event-Television in Germany“. In: Nicholas, Sian. O‘Malley, Tom. Williams, Kevin (Hg.): Reconstructing the Past. History in the Mass Media 1890-2005. New York: Routledge, 2008. ↩ - Wenn ich mich richtig erinnere, begann 300 auch mit einer ausholenden Es-war-einmal-Rückblende über die Jugend des Protagonisten. Blieb mir aber sonst nicht sonderlich im Gedächtnis. Vielleicht nochmal anschauen. ↩
Tags: übers erzählen, blockbuster, filmanalyse







sie machen gute sachen, herr vogel