Jahresende, da wären wir. Ich sitze also da, ein paar Tage nach dem Weihnachtstrubel, der dann doch keiner war, und halte ein Buch in Händen, das von Post-It-Lesezeichen zusammen gehalten wird, dessen türkisgrüne Farbe erstaunlicherweise eben jenes Türkisgrün ist, das auf dem Buchcover als Sekundärfarbe den Titelschriftzug schön bunt macht. Das ist purer Zufall, aber es wirkt, als würden Buch und Lesezeichen zusammen gehören, als wären sie so auf die Welt gekommen, oder als hätte sich jemand die unsinnige Mühe gemacht, Cover und Lesezeichen farblich aufeinander abzustimmen.
Ich überlege, dies notizlich festzuhalten in meinem neuen Notizbuch, das ist rot und schön und mit Woodstockmotiv, und löst das alte schwarze ab, das zwar noch nicht vollgeschrieben war, das ich aber aus unerfindlichen Gründen nicht mehr mag, seitdem ich einen Uni-Wien-Aufkleber draufgepappt habe. Ich hatte sogar einen Bandaufkleber halb überlappend und an pubertäre Collage-Kreationen erinnernd drübergeklebt. Aber hätten die Sterne damals mein Notizbuch gefragt, wo fing das an was ist passiert, Ja, mein Notizbuch hätte antworten können, der Uni-Wien-Aufkleber, der hat mich so ruiniert. Jedenfalls saß ich da und war gerade mit Lesen fertig und trug in das neue Rote eine Zeile ein, die ich eine unbestimmte Zeit zuvor gelesen hatte und die ich unbedingt behalten wollte, weil sie mir so gut gefiel. Um an dieser Stelle aber nicht die gesamte Leseraufmerksamkeit auf eine Geschichte über eine Geschichte zu verschwenden, welche von einer Tat handelt, die letztlich komplett ohne jede weitere Bewandtnis im Hinblick auf den angekündigten Jahresrückblick bleibt, sei Folgendes gesagt: Dazu später mehr. Im alten Notizbuch fand ich dagegen dies hier:
Die verrückte Inge hieß nicht etwa so, weil sie verrückt war. Nein, sie hieß so, weil sie sich mir so vorstellte: „Hallo, ich bin die verrückte Inge.“
Wie sich fortan fast minütlich herausstellte, war die verrückte Inge der Typ Zwanzignochwas, welcher sich selbst und diversen anderen gerne versicherte, wie crazy und durchgeknallt, alternativ und sonstwie anders ihre Person so war in ihrem Wesen und in ihren Aktivitäten. Als Maßstab hierfür diente ihr jeweils das, was ich (oder womöglich jeder andere Gesprächspartner) gerade sagte. Sie behauptete einfach das Gegenteil und kicherte und guckte niedlich. So war sie vielleicht wirklich verrückt, die verrückte Inge, aber vielleicht nicht in dem Sinn, wie sie glaubte.
Man musste sie einfach mögen.
Das steht so im alten Notizbuch, mittlerweile versehen mit einem türkisgrünen Pagemarker (damit die auch mal zum Einsatz kommen), und mir stellt sich folgende Frage: Was ist das überhaupt? Ich verlange Kontext! Wann und wo habe ich das geschrieben? Irgendwann 2009, gewiss, aber ich kann mich an niemanden namens Inge und an keine solche Person oder Unterhaltung erinnern. Passiert ist mir das so oder auch nur so ähnlich eher nicht. War das gedacht als etwas Literarisches? Als geheime Botschaft an mein zukünftiges Ich? Wüsste nicht, jemals irgendwen oder irgendwas, und sei es ironisch, crazy genannt zu haben. Ich bin verwirrt. Doch das macht nichts. Denn würde man nach Klarheit und Entwirrung in der Vergangenheit suchen, würde man schließlich den Kalender aufschlagen, nicht das Notizbuch. So als Jahresrückblick ist ein Notizbuch in der Regel ungewöhnlich, man liest vorwiegend von Sachen, die nicht notwendigerweise so passiert oder so geblieben sind. Meist, oder zumindest im Fall meines mit Uni-Wien-Logo verschandelten kleinen Schwarzen, sind das Sachen, die in erster Linie nur geplant waren oder in einem Planungsstadium festgehalten wurden und sich dann weiterentwickelten oder in Vergessenheit gerieten oder überhaupt etwas ganz anders waren. Wie die verrückte Inge. Und rückblickend ist man einfach froh, dass es sie gibt. Hätte man sowas nicht festgehalten irgendwo, wer weiß wo sie heute wären, die Notiz oder auch die Inge. Aber über die fünf angefangenen Kurzgeschichten, die ich auch noch in dem Buch fand, über die wäre ich aber am liebsten nicht mehr gestolpert.
Mit ein paar neuen Pagemarkern versehen, verstaue ich das alte Notizbuch in der Schublade neben den anderen, halb vollgeschriebenen Blöcken. Alle unterschiedlich in Form, Farbe und Papier. Ich habe das optimale Notizbuch noch nicht gefunden und manchmal würde ich für jede neue Notiz am liebsten ein neues anfangen. Aber fürs Erste muss die Welt mit einem Wust an Unfertigem leben und darf sich im nächsten Jahr gerne ein bißchen mehr Mühe geben, nicht wahnsinnig oder verrückt oder wahnsinnig verrückt zu werden. Jedenfalls nicht wie die verrückte Inge.
Und damit das nicht in Vergessenheit gerät, so zwischen den Jahren und zwischen den Notizbüchern: „Alfons war ein Spieler. Er spielte mit Ideen, die andere ernst nahmen.“ (Harald Martenstein – „Heimweg“, S. 75)






