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NilsTrotzVogel: Jubiläum! Videos! Hurra!

09. Januar 2010 | ausgedachtes

NilsTrotzVogel - Fast schon ein Bandfoto

Zeit für Nostalgie! Genau heute vor einem Jahr – es war ähnlich sibirisch draußen, doch es wurde sich alle Mühe gegeben, den gastgebenden Luxuskeller zu beheizen – da saßen drei junge Herren auf unbequemen Plastikstühlen. Und auf diesen sitzend, lasen sie überaus literarische Texte, spielten famoses Liedgut und redeten beizeiten wirres Zeug. Und sie waren sehr froh, dass nicht nur ihre neun MySpace-Freunde gekommen waren, um sich das anzusehen. Es war die rauschende Nacht der NilsTrotzVogel one night only Konzertlesung im wundervollen Brick5 in Wien, mit einem Programm, ganz passend betitelt „Gender und so“. Weiterlesen »

Die Epstein Fragmente #4

05. Januar 2010 | ausgedachtes

An einem Herbsttag, Blätter lagen verstreut. Im Kaffeehaus spielte ein Pianist, in einer Ecke an einem kleinen Tisch, darauf eine Tasse Kaffee und ein Wasser, saß Gilbert Epstein. Und er, bereits winterlich im Gemüt, blickte nicht zum ersten Mal auf die Uhr. Er las die Zeitung eher beiläufig, um etwas zu tun zu haben, schien aber wenig konzentriert auf die Nachrichten des Tages, deren Aufbereitung ihm ohnehin nicht zusagte. Die Zeitungen werden immer dünner, hatte er eben noch zum Kellner gesagt, der den Kaffee servierte und mit stoischer Miene nickte.

Epstein befand, er warte schon viel zu lange auf die angekündigte Gesellschaft. Dabei hatte sie ihn hierher bestellt, es sei eilig, meinte sie noch am Telefon, wir treffen uns am besten gleich. Doch Epstein befand auch, dass dieses Bild, er mit Anzug und Zeitung, den Hut lässig am Ständer nebenan, sehr stimmig sei und und so elegant wirkte, dass er es durchaus mit seinem Selbstbild in Einklang bringen konnte. Er, ein Wartender. In seinem Beruf, da sei das ganz normal.

Nur was fehlte, das war die Zigarette, natürlich filterlos, Epstein schätzte eine gute filterlose Zigarette, die für gewöhnlich im Aschenbecher vor sich hin qualmte und nicht notwendigerweise geraucht wurde und mehr nur ins Bild passte. Aber Rauchverbot. Der Kellner mit der stoischen Miene hatte wiederholt darauf hingewiesen, nicht mit dem Zeigefinger, doch mit erhobener Nase. Hier kein Rauchen mehr. Man wisse ja, die Nichtraucher, das neue Gesetz. Epstein hatte genickt und auf die Uhr gesehen. Jetzt wo man nicht mehr dürfe, wollte man erst so wirklich.


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Bisherige Fragmente: #1 / #2 / #3

Das Akkordeon

06. Juli 2009 | ausgedachtes

Über Josef Winklers Rede „Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär“, gehalten anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises am 1. November 2008 in Darmstadt.1

Worum es geht: Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung. Doch sind diese zwölf Druckseiten das Beste, was ich seit langem gelesen habe. Gut, das zu sagen ist natürlich übertrieben und dient der dramaturgisch selbstverständlich außerordentlich durchdachten Exposition dieser Zeilen. Aber dennoch: gerade jetzt, zu dieser Zeit, klingt es nach zuviel des Lobes, Winklers Text an die Spitze meiner aktuellen Leseliste zu stellen, denn mir sind in den letzten Wochen und Monaten komischerweise viele wirklich gute Bücher in die Hände gefallen. Unverhältnismäßig viele, würde ich behaupten, auch wenn dies wohl nicht jeder, schon gar nicht Josef Winkler, tun würde. Vielleicht aber, und das ist sehr warscheinlich der näher liegende Grund, bin ich derzeit auch nur leicht zu beeindrucken. Vielleicht auch, weil ich selbst mal wieder versuche zu schreiben, ein bißchen hier ein bißchen da ein bißchen was in Planung, und überall nach guten Gründen suche, das alles am besten bleiben zu lassen. Gute Gründe wie Josef Winkler zum Beispiel, dessen Preisrede anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises 2008 – um es nochmal zu sagen, auch wenn es nur halb stimmt – das Beste ist, was ich in letzter Zeit gelesen habe.

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  1. Als PDF online abrufbar auf deutscheakademie.de unter Josef Winkler, 2008. Sehr lesenswert übrigens.

Die Epstein Fragmente #3

19. Juni 2009 | ausgedachtes

Blaue Haare. Epstein hatte nie verstanden, warum sich Menschen die Haare färben – erst recht in grellbunten Farben wie grün oder blau. Die dicke Kroatin allerdings, mit der er gerade im Fahrstuhl seines angestammten Wiener Kaffeehauses feststeckte, schien mit blauen Haaren geboren worden zu sein. Es passte zu ihr, diese Haare mussten einfach blau sein.
„Ihr Anzug ist zu klein“, sagte die dicke Kroatin.
„Ihre Haare sind zu blau“, sagte Epstein.
Vom ersten Augenblick an. Man kann nicht behaupten, sie hätten sich nicht gern gehabt.


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Bisherige Fragmente: #1 / #2

Die Epstein Fragmente #2

20. Mai 2009 | ausgedachtes

So ein Blödsinn, sagte er und meinte das eigentlich gar nicht so. Sie sagte, es ginge doch sowieso nur um Sex. Typisch Mann, sagte sie, von was anderem könnt und wollt ihr alle nicht schreiben.

Er sagte, so stimme das ja auch wieder nicht und versuchte, ihr nicht allzu auffällig aufs Dekolleté zu schauen. Epstein fühlte sich ertappt von den Frauen und vom Frühling und verlor langsam den Glauben an seine selbstauferlegte Vorbestimmung, ein Autor zu werden. Im Grunde aber hörte er einfach nur auf, an rote Kleider zu glauben.


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Bisherige Fragmente: #1

Das rote Kleid (Fragmente für die Welt! #1)

12. Mai 2009 | ausgedachtes

Ein Augenaufschlag genügte, um ihm das Gehirn gleich zwei Etagen tiefer zu legen. Anfangs fragte er sich gar nicht, warum sich diese Frau, ja, diese wahre Dame so kam sie ihm vor, in einem fast leeren Überlandbus ausgerechnet ihm gegenüber setzte, es wären ja genug andere Plätze frei gewesen. Mit dem Gehirn in der Hose aber, da hält auch er sich schonmal für einen kleinen Don Juan, einen Begehrten, der die Chance nur ahnen muss, um sie zu nutzen. Hätte er die Gedanken ein bißchen fokussieren und übereinandergeschlagene Beine ignorieren können, seien sie noch so makellos und schlank und eingerahmt von feinstem Stoff, dann wäre ihm vielleicht die Skepsis gekommen. Nicht nur, warum diese Dame sich ausgerechnet neben ihn setzte. Vielleicht wäre ihm die ganze Szene komisch vorgekommen, mit rotem Kleid im Bus für Weitgereiste. Denn Weitgereiste haben immer viel Gepäck, tragen alles mit sich rum, einen Koffer vielleicht, Rucksäcke und Taschen und die liegen dann im Bus neben einem und warten drauf, dass man sie nach der Busfahrt wieder durch die Gegend trägt. Die Dame in rot allerdings, die trug nur eine kleine Handtasche mit sich, daraufgestickt eine kleine Rose. Und die fiel ihm auch nur auf, weil die Dame aus dieser Tasche einen kleinen Spiegel zog, sich kurz darin betrachtete und den Spiegel mit gekonnten Handgriffen wieder zuklappte und in einer perfekt choreografierten Bewegung verstaute. Gekonnt, dachte er sich da, alles was sie tut, das wirkt gekonnt und so elegant und anmutig. Es passte ins Bild, im Kleinen machte es alles Sinn. Diese Frau, wie sie sich gab, das machte Sinn. Aber der große Kontext, dass ihr Erscheinen am Sitz gegenüber eben überhaupt nicht ins Bild passte, das sah er nicht. Wie denn auch, wenn sich die Gedanken über das Kleid eigentlich immer nur auf das Darunter konzentrieren.

In einer weiteren ihrer perfekten Bewegungen drehte die Dame dann den Kopf, wandte sich ihm zu und sagte Guten Morgen, als würden sie sich seit zehn Jahren kennen. Gegrüßt wie ein alter Bekannter wünschte er ebenfalls einen Guten Morgen und dachte sich, wie wundervoll die Dame diese schlankschönen, scheinbar niemals in Füße mündenden Beine vor diesem Bussitz unterbrachte. Jeder weiß ja wie eng solche Busse heutzutage sind, auch dazu hätte man sagen können: elegant verstaut. Und schon wieder begann er nachzudenken. Darüber, wie er dieses Guten Morgen gerade gesagt hatte, welchen Unterton er dem Gruß verpasst hatte und ob überhaupt. Er hoffte natürlich, es klang nach einem charmanten Nett, ihre Bekanntschaft zu machen meine Gnädigste. Weil in Österreich, das fand er so toll, da gibt es sie noch, die förmlichen respektvollen Anreden wie sonst nur in alten Filmen. Doch mit einer gewissen Berechtigung fürchtete er, sein Guten Morgen klang weniger nach Meine Gnädigste und mehr nach Zu mir oder zu Dir?

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Aus den unfertigen Abenteuern eines gewissen Herrn Epstein. Er trägt Hüte und zu kleine Anzüge, reist aber sehr gerne; um mal wieder das Ausgedachte zu bedienen.

Die Windmühlen: Das hat gerade noch gefehlt

14. April 2009 | ausgedachtes

Betrachtet man die holde Frauenwelt vom durchaus sinnigen sexistischen Standpunkt, dass man sie eigentlich alle fein säuberlich in optische Qualitätskategorien von 1 bis 10 einsortieren kann, dann ist eines ganz und gar unwahrscheinlich: Die 10. Die Höchstnote in Sachen weiblicher Attraktivität, unmöglich zu erreichen, denn – schlicht und ergreifend – es gibt sie nicht. Kommt es aber vor, dass ein männliches Wesen auf ein weibliches trifft, das in dessen Verständnis der Welt, der Gerechtigkeit und allem anderen tatsächlich diesem utopischen Wert der 10 auch nur nahe kommt, dann sind vielerlei Wunder möglich. Ganze Räume, ja Turnhallen und Schwimmbäder, Horizonte und Parkanlagen beginnen hellauf zu leuchten. Und das nicht nur sprichwörtlich. Das männliche Wesen verliert jedwede Kontrolle über sich selbst, meist für ganze Sekunden scheint die Welt still zu stehen und alle Sorgen, Krisen und Konflikte verschwunden, keine Kriege mehr und keine schmelzenden Polkappen. Und wollte eben noch einer deprimiert vom Dach springen, so tut er dies nun mit Freude.

Als wäre dies allein nicht schon schlimm genug, potenziert sich dieser einfache, aber effektive Sachverhalt natürlich, wenn gleich mehrere Personen betroffen sind. So kommt es beispielsweise vereinzelt zu dem sonderbaren Phänomen, dass ein ganzer Raum von der Schönheit besagter Bestnoten-Frau erfasst wird und – sollten nicht alle Anwesenden umgehend in eine wimmernde Fötushaltung übergehen und dort bis in alle Ewigkeit verharren – wird man Zeuge des wohl unwahrscheinlichsten aller Naturphänomene überhaupt: Der ganze Raum der Betroffenen realisiert, was gerade vor sich ging. Sie haben die Schönheit dieser Welt gesehen und sogar erkannt, sozusagen Status der Seligkeit. Dass dies dann rein gar nichts mehr mit sexueller Anziehung zu tun hat, versteht sich von selbst. Mit dem Bewusstsein des Erkenntnis von perfekter Schönheit geht ein Prozess einher, der über allem Fleischlichen steht: Niemand ist verknallt oder verliebt oder verschossen, im ganzen Raum kein einziger sabbernder Starrer. Nein, bei der Begegnung mit einer kurz-vor-utopisch schönen Frau setzt eine absolute Gewissheit im Unterbewusstsein des Betroffenen ein, und zwar eine Gewissheit, wie sie nur bei der Begegnung mit kurz-vor-utopisch schönen Frauen eintritt, die es ihm verbietet, dieser Perfektion zu verfallen. Dies, und das kann man guten Gewissens behaupten, ist die wohl intelligenteste Selbstschutzmaßnahme des menschlichen, hier männlichen Körpers. Würde das männliche Wesen dieser weiblichen Perfektion nämlich doch verfallen, dieser kurz-vor-10, nicht auszudenken. Apokalypse, Polkappen, das Ende der Welt und des Universums, all das und nochmal von vorn. Demzufolge fühlt sich der Betroffene nicht einmal ansatzweise zu diesem Wesen hingezogen, mit ihr reden möchte er schon gar nicht. Der Betroffene möchte nichts tun, was diese Perfektion auch nur im Ansatz gefährden könnte. Er möchte einfach nur einen Moment inne halten, Gott für diese Schönheit danken und noch einmal hinschauen.

Nun aber, man muss es leider sagen, kommt es manchmal vor, dass diese Selbstschutzautomatismen bei diversen Betroffenen gestört sind und aus irgendeinem Grund nicht oder nicht richtig funktionieren. Oder aber, diese Mechanismen werden bewusst ignoriert, weil was im Film funktioniert, das funktioniert auch im echten Leben. Aber dann natürlich Pustekuchen. So kommt es vereinzelt vor, dass sich ein Betroffener eben doch mal in die Schönheit verknallt, verliebt, mit Haut, Haaren und allem drum und dran, binnen Sekundenbruchteilen. Riskant, zweifellos, droht dem Betroffenen bei Nichterfüllung oder Nichterwiderung seiner jüngst geborenen Wünsche und Träume doch lebenslanges Unglück. Hölle auf Erden, lebenslange Verdammnis, ein Sommer ohne Erdbeereis. Qualen physischer aber vor allem psychischer Art, die Worte kaum zu beschreiben vermögen. Sollte dies einem Menschen passieren, so unwahrscheinlich es auch ist, dann kann man ihn gut und gerne einen Dummkopf nennen.

Und während sie so langfuhren, in dem uraltem Jaguar über die einsamen Straßen ländlicher Gegenden, von deren Ortschaften sie noch nie gehört hatten, wurde Herrn Vogel eines schmerzlich bewusst: Er selbst war ein solcher Dummkopf. Hans, ihr Chauffeur und ausgewiesener Frauenkenner, der hatte es kapiert, von Anfang an. In dem Moment, als die schwarzhaarige Schönheit ganz in rot ihnen beiden die Wohnungstür öffnete, hatte er Gott gedankt und stillschweigend dessen Präsenz genossen. Doch Herr Vogel hatte dies nicht zustande gebracht. Er war zu schwach, oder zu dumm. Er war das Opfer dieses seltenen Phänomens, dieses furchtbaren Umstandes, sich in die Perfektion verliebt zu haben. Sie hieß Anna. Und sie saß auf dem Rücksitz.

ding

Zum Auftakt des Ausgedachten ein Abschluss: was noch fehlte von den ersten Fassungen der Windmühlen. Damit wäre das Fragment dann vollständig.

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