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Posts Tagged ‘fragmente für die welt’

Die Epstein Fragmente #4

05. Januar 2010 | ausgedachtes

An einem Herbsttag, Blätter lagen verstreut. Im Kaffeehaus spielte ein Pianist, in einer Ecke an einem kleinen Tisch, darauf eine Tasse Kaffee und ein Wasser, saß Gilbert Epstein. Und er, bereits winterlich im Gemüt, blickte nicht zum ersten Mal auf die Uhr. Er las die Zeitung eher beiläufig, um etwas zu tun zu haben, schien aber wenig konzentriert auf die Nachrichten des Tages, deren Aufbereitung ihm ohnehin nicht zusagte. Die Zeitungen werden immer dünner, hatte er eben noch zum Kellner gesagt, der den Kaffee servierte und mit stoischer Miene nickte.

Epstein befand, er warte schon viel zu lange auf die angekündigte Gesellschaft. Dabei hatte sie ihn hierher bestellt, es sei eilig, meinte sie noch am Telefon, wir treffen uns am besten gleich. Doch Epstein befand auch, dass dieses Bild, er mit Anzug und Zeitung, den Hut lässig am Ständer nebenan, sehr stimmig sei und und so elegant wirkte, dass er es durchaus mit seinem Selbstbild in Einklang bringen konnte. Er, ein Wartender. In seinem Beruf, da sei das ganz normal.

Nur was fehlte, das war die Zigarette, natürlich filterlos, Epstein schätzte eine gute filterlose Zigarette, die für gewöhnlich im Aschenbecher vor sich hin qualmte und nicht notwendigerweise geraucht wurde und mehr nur ins Bild passte. Aber Rauchverbot. Der Kellner mit der stoischen Miene hatte wiederholt darauf hingewiesen, nicht mit dem Zeigefinger, doch mit erhobener Nase. Hier kein Rauchen mehr. Man wisse ja, die Nichtraucher, das neue Gesetz. Epstein hatte genickt und auf die Uhr gesehen. Jetzt wo man nicht mehr dürfe, wollte man erst so wirklich.


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Bisherige Fragmente: #1 / #2 / #3

Die Epstein Fragmente #3

19. Juni 2009 | ausgedachtes

Blaue Haare. Epstein hatte nie verstanden, warum sich Menschen die Haare färben – erst recht in grellbunten Farben wie grün oder blau. Die dicke Kroatin allerdings, mit der er gerade im Fahrstuhl seines angestammten Wiener Kaffeehauses feststeckte, schien mit blauen Haaren geboren worden zu sein. Es passte zu ihr, diese Haare mussten einfach blau sein.
„Ihr Anzug ist zu klein“, sagte die dicke Kroatin.
„Ihre Haare sind zu blau“, sagte Epstein.
Vom ersten Augenblick an. Man kann nicht behaupten, sie hätten sich nicht gern gehabt.


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Bisherige Fragmente: #1 / #2

Die Epstein Fragmente #2

20. Mai 2009 | ausgedachtes

So ein Blödsinn, sagte er und meinte das eigentlich gar nicht so. Sie sagte, es ginge doch sowieso nur um Sex. Typisch Mann, sagte sie, von was anderem könnt und wollt ihr alle nicht schreiben.

Er sagte, so stimme das ja auch wieder nicht und versuchte, ihr nicht allzu auffällig aufs Dekolleté zu schauen. Epstein fühlte sich ertappt von den Frauen und vom Frühling und verlor langsam den Glauben an seine selbstauferlegte Vorbestimmung, ein Autor zu werden. Im Grunde aber hörte er einfach nur auf, an rote Kleider zu glauben.


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Bisherige Fragmente: #1

Das rote Kleid (Fragmente für die Welt! #1)

12. Mai 2009 | ausgedachtes

Ein Augenaufschlag genügte, um ihm das Gehirn gleich zwei Etagen tiefer zu legen. Anfangs fragte er sich gar nicht, warum sich diese Frau, ja, diese wahre Dame so kam sie ihm vor, in einem fast leeren Überlandbus ausgerechnet ihm gegenüber setzte, es wären ja genug andere Plätze frei gewesen. Mit dem Gehirn in der Hose aber, da hält auch er sich schonmal für einen kleinen Don Juan, einen Begehrten, der die Chance nur ahnen muss, um sie zu nutzen. Hätte er die Gedanken ein bißchen fokussieren und übereinandergeschlagene Beine ignorieren können, seien sie noch so makellos und schlank und eingerahmt von feinstem Stoff, dann wäre ihm vielleicht die Skepsis gekommen. Nicht nur, warum diese Dame sich ausgerechnet neben ihn setzte. Vielleicht wäre ihm die ganze Szene komisch vorgekommen, mit rotem Kleid im Bus für Weitgereiste. Denn Weitgereiste haben immer viel Gepäck, tragen alles mit sich rum, einen Koffer vielleicht, Rucksäcke und Taschen und die liegen dann im Bus neben einem und warten drauf, dass man sie nach der Busfahrt wieder durch die Gegend trägt. Die Dame in rot allerdings, die trug nur eine kleine Handtasche mit sich, daraufgestickt eine kleine Rose. Und die fiel ihm auch nur auf, weil die Dame aus dieser Tasche einen kleinen Spiegel zog, sich kurz darin betrachtete und den Spiegel mit gekonnten Handgriffen wieder zuklappte und in einer perfekt choreografierten Bewegung verstaute. Gekonnt, dachte er sich da, alles was sie tut, das wirkt gekonnt und so elegant und anmutig. Es passte ins Bild, im Kleinen machte es alles Sinn. Diese Frau, wie sie sich gab, das machte Sinn. Aber der große Kontext, dass ihr Erscheinen am Sitz gegenüber eben überhaupt nicht ins Bild passte, das sah er nicht. Wie denn auch, wenn sich die Gedanken über das Kleid eigentlich immer nur auf das Darunter konzentrieren.

In einer weiteren ihrer perfekten Bewegungen drehte die Dame dann den Kopf, wandte sich ihm zu und sagte Guten Morgen, als würden sie sich seit zehn Jahren kennen. Gegrüßt wie ein alter Bekannter wünschte er ebenfalls einen Guten Morgen und dachte sich, wie wundervoll die Dame diese schlankschönen, scheinbar niemals in Füße mündenden Beine vor diesem Bussitz unterbrachte. Jeder weiß ja wie eng solche Busse heutzutage sind, auch dazu hätte man sagen können: elegant verstaut. Und schon wieder begann er nachzudenken. Darüber, wie er dieses Guten Morgen gerade gesagt hatte, welchen Unterton er dem Gruß verpasst hatte und ob überhaupt. Er hoffte natürlich, es klang nach einem charmanten Nett, ihre Bekanntschaft zu machen meine Gnädigste. Weil in Österreich, das fand er so toll, da gibt es sie noch, die förmlichen respektvollen Anreden wie sonst nur in alten Filmen. Doch mit einer gewissen Berechtigung fürchtete er, sein Guten Morgen klang weniger nach Meine Gnädigste und mehr nach Zu mir oder zu Dir?

ding

Aus den unfertigen Abenteuern eines gewissen Herrn Epstein. Er trägt Hüte und zu kleine Anzüge, reist aber sehr gerne; um mal wieder das Ausgedachte zu bedienen.

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