Meine Damen und Herren! Wie aus einem Füllhorn – wie aus einem Füllhorn, oder um bildlich zu sprechen: Wie aus einem Füllhorn. Händeklatschen. Jawohl. Das astorische Füllhorn hat lauter getönt als das rohköstlerische Fagott. (Astoria)
Der typische Student der Wiener Theater-, Film- und Medienwissenschaft verbringt einen Großteil seines Studiums in nur zwei Hörsälen – einer davon ist der Jura-Soyfer-Saal in der Hofburg. Als mich Kollege Grundtner vor vier Jahren erkundungstechnisch durchs Institut führte, habe ich nur „Jura Säufer Saal“ verstanden und gelacht. Was weiß denn ich wer Jura Soyfer war? Und viel mehr als mal den Wikipedia-Artikel über Soyfer – wie auch über Joseph Schreyvogel, den Namenspatron des zweiten Institutshörsaals – durchzulesen, hab ich seitdem nicht fertig gebracht. Mit meinem Unwissen war und bin ich aber nicht allein, wie man so hört. Obwohl Soyfers Texte in zig Sprachen übersetzt wurden, ist er heute nicht unbedingt der allgemein-bekannteste Autor. Praktisch kennt ihn fast niemand. Mein komplettes Unwissen änderte sich dann mit diesem, meinem wohl letzten Semester. Wurde auch mal Zeit. Bildet überdies eine schöne thematische Klammer des Studiums, was man auch als Anekdote zum Beispiel in Blogeinträgen verwenden kann.
Denn, wie ich in der aktuellen Vorlesung/Übung über sein Leben und Werk gelernt habe: Jura Soyfer besitzt. Alles. Vier seiner fünf Theaterstücke – Der Weltuntergang, Der Lechner Edi schaut ins Paradies, Astoria, Vineta (Die versunkene Stadt) - habe ich mittlerweile gelesen und weiß auch ungefähr, in welche Richtung sich mein für Juni geplanter Abschlussaufsatz entwickeln wird. Denn was mich so beeindruckt hat: Soyfer schreibt erstaunlich visuell, scheint stets darum bemüht, die Bühne und ihre (Un-)Möglichkeiten auszunutzen. Sei es die Rückreise in der Zeit im Lechner Edi oder die versunkene Stadt, in der die Zeit still steht in Vineta. Was mich mehr als einmal überrascht hat – sowohl sprachlich, als auch von der Geschichte insgesamt – das war der unglaublich direkte, unkomplizierte Humor. Der ergibt in Verbindung mit den teils ernsten Hintergründen von Soyfers Geschichten eine ganz eigene, unwirkliche Atmosphäre, die zum Ende hin immer in eine Tragödie oder eine Komödie kippen kann. Selten so gerne Theatertexte gelesen.
Soyfers Protagonisten sind immer auf der Reise und auf der Suche – meist nach einer Verbesserung ihrer oder allgmeiner Umstände. Sie betreten dabei immer ein Terrain, auf dem sie sich nicht auskennen und/oder mit ihren Wünschen gegen übergroße Wände laufen. Unverstandenheit ist ein ganz großes, wiederkehrendes Motiv innerhalb dieser Reisen – wie auch Krieg, Armut und Bürokratie. Ich finds erstaunlich, wie viele kleine und weniger kleine Ideen und Anspielungen Soyfer unterbringt und bei aller erzählerischer Vielfalt insgesamt nicht seine Richtung verliert. Letztlich ist es sein Stil, nicht nur der sprachliche, der mich so beeindruckt hat.
Neulich unterhielt ich mich mit dem Buchhändler meines Vertrauens. Wir sprachen über die Soyfer-Werkausgabe, die nun auch in vier Einzelbänden erhältlich ist. Die alte Ausgabe, sagte er, dieses riesige, unhandliche Ding sei ja eine haptische Katastrophe gewesen. Gut also die Aufteilung von 2002.
Dann fügte er hinzu: Auf der anderen Seite dürfe man eigentlich froh sein, dass heute überhaupt noch etwas von Soyfers Texten erhalten ist.
Soyfer starb 1939 im KZ Buchenwald, mit 26.






