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	<title>herrvogel.net &#187; lektüre</title>
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		<title>Das Akkordeon</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Jul 2009 08:52:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>vogel</dc:creator>
				<category><![CDATA[ausgedachtes]]></category>
		<category><![CDATA[beim aufräumen gefunden]]></category>
		<category><![CDATA[lektüre]]></category>

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		<description><![CDATA[Über Josef Winklers Rede „Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär“, gehalten anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises am 1. November 2008 in Darmstadt.1
Worum es geht: Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung. Doch sind diese zwölf Druckseiten das Beste, was ich seit langem gelesen habe. Gut, das zu sagen ist natürlich übertrieben und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Über Josef Winklers Rede „Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär“, gehalten anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises am 1. November 2008 in Darmstadt.</strong><sup class='footnote'><a href='#fn-931-1' id='fnref-931-1'>1</a></sup></p>
<p>Worum es geht: Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung. Doch sind diese zwölf Druckseiten das Beste, was ich seit langem gelesen habe. Gut, das zu sagen ist natürlich übertrieben und dient der dramaturgisch selbstverständlich außerordentlich durchdachten Exposition dieser Zeilen. Aber dennoch: gerade jetzt, zu dieser Zeit, klingt es nach zuviel des Lobes, Winklers Text an die Spitze meiner aktuellen Leseliste zu stellen, denn mir sind in den letzten Wochen und Monaten komischerweise viele wirklich gute Bücher in die Hände gefallen. Unverhältnismäßig viele, würde ich behaupten, auch wenn dies wohl nicht jeder, schon gar nicht Josef Winkler, tun würde. Vielleicht aber, und das ist sehr warscheinlich der näher liegende Grund, bin ich derzeit auch nur leicht zu beeindrucken. Vielleicht auch, weil ich selbst mal wieder versuche zu schreiben, ein bißchen hier ein bißchen da ein bißchen was in Planung, und überall nach guten Gründen suche, das alles am besten bleiben zu lassen. Gute Gründe wie Josef Winkler zum Beispiel, dessen Preisrede anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises 2008 – um es nochmal zu sagen, auch wenn es nur halb stimmt – das Beste ist, was ich in letzter Zeit gelesen habe.</p>
<p><span id="more-931"></span>Und beim zuletzt Gelesenen war durchaus Großartiges dabei, zum Beispiel Saša Stanišićs „<a href="http://herrvogel.net/2009/06/das-soldatengrammofonbuch/">Wie der Soldat das Grammofon repariert</a>“, dessen wundervolles <a href="http://www.kuenstlicht.de/buch.html#leseprobe">Kapitel</a> über das Fußballspiel im Jugoslawienkrieg, zwischen der kriegerischen Routine und dem spielerischen Match zweier Gegner, die mehr gemeinsam haben als ihnen lieb ist, zum Niederknien gut ist. Man sieht, auch von Stanišić habe ich mich sehr beeindrucken lassen. Doch es war auch weniger literarisch Hochwertiges dabei, wie manch einer und womöglich Josef Winkler urteilen würde, denn es handelte sich vorwiegend um Unterhaltungsliteratur, erbauliche Romane geschrieben vom Teufel, beziehungsweise von Carlos Ruiz Zafón („Der Schatten des Windes“) oder Alexander Osang („Lennon ist tot“) oder Wolf Haas („Wie die Tiere“). Doch alle diese literarisch nicht an diese oder jene Schriftsteller im Allgemeinen oder französische Existenzialisten im Speziellen heranreichenden Autoren, sie alle haben etwas gemeinsam, und zwar etwas, das ich persönlich als überaus wahr empfinde, auch wenn es wahrscheinlich nur in meinem Kopf existiert: nämlich die Vorstellung, dass ich selbst alle diese Bücher nicht hätte schreiben können. Man mag natürlich böszungig behaupten, dass ein jeder, der einen Satz geradeaus schreiben kann, Alexander Osangs „Lennon ist tot“ hätte verfassen können &#8211;  und auf rein sprachlicher Ebene mag das von mir aus auch zutreffen. Doch Nein. Jedes dieser Bücher, auch „Lennon ist tot“, besitzt für mich irgendein einzigartiges Element, auf irgendeiner Ebene, welches ich nicht zu Stande oder zu Papier gebracht hätte. Das kann ein einziger Satz oder eine einzige kleine Idee sein, die ausreicht, um mich zu beeindrucken, unwichtig ob im Kontext der Unterhaltungsliteratur, des Kriminalromans oder auch einer Büchner-Preisrede. Und um bei letzterer und Josef Winkler wieder anzuknüpfen und auf die Aufgabenstellung dieses Textes zu sprechen zu kommen: „Fassen Sie die Ihrer Meinung nach wichtigsten Aussagen zusammen!“<br />
Dazu später mehr.</p>
<p>Ich sitze also im Deutschunterricht zehnte Klasse und mein Deutschlehrer, der mit seinem grauen Stoppelbart und den kurzen blondgrauen Haaren aussieht wie Reinhard Mey ohne Gitarre, lobt meinen Aufsatz über Ethik und Philosophie im katholischen Religionsunterricht und sagt: „Das war hervorragend, ich gebe dir eine Vierminus!“ Er fügt mit ebenso entschiedener Stimme hinzu, während er sich mit einem Bleistift im sockenlosen Schuh rumstochert, dass ich zwar sehr schön schreibe, aber leider das Thema komplett verfehlt hätte und er mir eigentlich eine Fünf geben müsste. Ich solle sowas bloß nicht wieder tun, denn ich würde zwar, Bleistift, Schuh, keine Socken, sprachlich sehr sicher formulieren, aber auf der anderen Seite sei ich auch kein Büchner, kein Camus und schon gar kein Josef Winkler und solle mir bloß nicht einbilden, mit ein paar netten Formulierungen sei man bereits ein Autor. Fakten, Argumentation, darum ginge es und das hier ist immer noch der Deutschunterricht der zehnten Klasse und wie soll er mich auf den harten Ernst des Lebens, wieder Bleistift, Schuh, keine Socken, entsprechend vorbereiten, wenn ich in einem argumentativen Aufsatz über das Für und Wider von Ethik und Philosophie im katholischen Religionsunterricht darüber sinniere, wie meine Mutter in der Küche Brotteig knetet.<br />
Ich sage: Aber.<br />
Er fragt: Was.<br />
Ich sage: Kinder und Betrunkene sagen immer die Wahrheit!</p>
<p>Reinhard Mey trägt von meinem Aber unbeeindruckt mit eben jenem Bleistift, den er mit einer blitzschnellen Bewegung aus seinem sockenlosen Schuh zog, eine Vierminus in sein Notenbuch. Dann greift er beherzt zu seinem Koffer unterm Pult, aus dem er eine Gitarre hervorzieht und beginnt, eine leise Melodie zu zupfen. Schließlich bricht er leise und lächelnd in Gesang:<br />
<em>„Wenn ich betrunken bin, dann merkst du nichts davon. Dann seh nur ich den kleinen Mann mit dem Akkordeon. Der spielt so überirdisch schön, so rein und so kristallen. Da muß ich wie ein Schlosshund heuln und gleich ins Koma fallen. Und dann seh ich ein Rudel Fabeltiere mich umringen, ein Dutzend haar&#8216;ge Burschen, die aus voller Kehle singen, &#8218;Nen schleppend, schleim&#8216;gen Schlager, ja tatsächlich, vor mir stehn zwölf Yetis und brummen: Ich hab Reinhold Messner gesehn&#8230; Manchmal glaub ich, ich seh zuviel, manchmal glaub ich, ich spinn! Wenn ich betrunken bin.“ </em><sup class='footnote'><a href='#fn-931-2' id='fnref-931-2'>2</a></sup><br />
Da war er also, mein Carlos Zafón, mein Chuck Klosterman, mein Nick Hornby, mein Wolf Haas, mein Teufel des Erbaulichen, der Teufel des Unterhaltenden. Aber da war noch ein anderer, viel schlimmerer Teufel, viel mehr mein Saša Stanišić, mein John Irving, mein Jura Soyfer und: mein Josef Winkler. Nicht selten aber war es auch ein Teufel im vielbesungenen Detail, der gefürchtete, von dem ich mich immer habe beeindrucken lassen, einer, der zwischen den schönsten Zeilen dieser Welt schläft, mein betrunkener Mann mit dem Akkordeon, der immer ein bißchen mehr sieht als er sollte und mich müde belächelnd angrinst: Das kannst Du nicht. Das wirst Du niemals können.<br />
Ich also ging Fußball spielen.</p>
<p>Halbzeitpause beim Stand von Null zu Eins, Wahl der Waffen, Josef Winklers Preisrede zum Büchnerdings. Ich sehe zweihundert Schachtelsätze, von denen einer schöner und nachklingender ist als der nächste, und ich bin so hin und weg, dass ich am Ende der zwölf Seiten keine Ahnung habe, wovon Winkler überhaupt gesprochen hat. Der Mann mit der Gitarre tadelt, ich habe mich wieder beeindrucken lassen und das zwar durchaus zurecht, doch hier komme es jetzt auf die Fakten an und auf das, was gesagt wurde, denn es gelte, die zentralen Aussagen auf zwei bis fünf Seiten zusammen zu fassen, wurschtegal wieviele Akkordeons ich hören würde, wenn ich Winklers Rede läse. Nun bin ich an einem Punkt in der Dramaturgie dieses Textes angelangt, an dem ich mich still aber deutlich fragen muss: Hat es funktioniert? Kam das, was ich über Winklers Rede sagen wollte, schon ausreichend raus? Denn selbstverständlich, ich habe diese zwölf wundervollen Seiten erneut gelesen, befinde sie für das sprachlich Schönste überhaupt, glaube auch nicht, dass ich diesen Text jemals schlagen kann, glaube aber, dass ich diesen Text schlagen muss. Und zwar zum Ritter. Ich ohrfeige ihn zum Ritter der Borniertheit. Ich denke nicht, dass dies bisher erreicht wurde, ich möchte aber diese Übung bestreiten, ohne die Forumulierung „Winklers wichtigste Aussagen sind“ zu verwenden. Anpfiff zweite Halbzeit.</p>
<p>Ein tausend Seiten langes Tagebuch, sagt Josef Winkler und der Mann mit der Gitarre nickt mir ermutigend zu, dies sei doch mal ein Anfang, mit dem man arbeiten könne. Ein Tagebuch also, tausend Seiten lang, das habe geschrieben werden müssen, um die ersten Sätze hervorzubringen, die es wert gewesen seien, umformuliert oder zerstört zu werden. Erst dann, zwischen Venedig und Klagenfurt pendelnd, das erste Romanmanuskript. Winklers Anspruch an sich selbst und an die anderen, nach dem er die Großen las und sich vor ihnen verneigte, verbietet es ihm, so klingt es, Unterhaltungsliteratur zu lesen. Selbstmordgedanken seien sein täglich Brot gewesen, sagt Winkler und ich denke an das tägliche Selbstmordbrot eines jeden anständigen Künstlers, dieses verachtenswerte Gehabe der Talentierten, die Auslotung von Leben und Tod suchend, wie eben Josef Winkler es beschreibt, als sei es die Grundvoraussetzung zu etwas Lesenswertem und als würde es überhaupt irgendeinen Unterschied machen. Ich, näher am Leben als am Tod gelegen, glaube nicht daran und fühle mich zu einer pathetischen Aussage genötigt, weil an einen Punkt gebracht, an dem es nicht mehr Gelassenenheit ankommt. Denn ich glaube nicht an die Selbstüberschätzung der Existenzialisten und schon gar nicht an die ihrer Kinder. Ich glaube auch nicht an schmückende Adjektive und an Landschaftsbeschreibungen, für welche mir mein Leben schon zu kurz war als ich in der Küche sitzend schlechte Kinderbücher las, während meine Mutter Brotteig knetete. Doch ein Satz aus den von Winkler Zitierten geht mir nicht aus dem Kopf: „Wenn du ein Buch lesen willst, dann schreib es erst!“<br />
Damals wie heute, ich glaube an mein Aber, das von Nöten scheint, wenn es nur ein bißchen zu sehr provoziert wird. Ich glaube an das Akkordeon, das erklang, als ich Winklers Text las. Und es ertönte die Stimme, die zwischen den Zeilen schläft, und sie gehört, wie sich am Ende herausstellt Winkler selbst, der sich versteckt hält hinter den gelesenen Großen und selbstgefällig grinst: Das kannst du nicht. Das wirst du niemals können. Und – ich komme nun zum Ende – Josef Winkler, du hast natürlich Recht und, natürlich, du weißt bescheid.</p>
<p>Aber:</p>
<p><em>„Ich sage du lügst, tut mir leid.<br />
Gib es zu, du warst im Nana Mouskouri Konzert,<br />
Ich hab dich gesehen mein Freund.<br />
Gib es zu, du warst im Nana Mouskouri Konzert,<br />
Ich war auch da und du hast geweint.“</em><br />
(Funny van Dannen<sup class='footnote'><a href='#fn-931-3' id='fnref-931-3'>3</a></sup>)</p>
<p><span style="color: #ffffff;">&#8230;</span></p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-78" title="ding" src="http://herrvogel.net/wp-content/uploads/2009/04/ding.jpg" alt="ding" width="50" height="13" /></p>
<p><em>Ich war nicht sicher, in welche Kategorie dieser Text gehört. Habe dem <a href="http://herrvogel.net/category/ausgedachtes/">Ausgedachten</a> aber den Vorzug gegenüber den <a href="http://herrvogel.net/category/notizen/">Notizen</a> gegeben, da der Text zwar eine Notiz zu Winklers Rede darstellt, Form und Inhalt aber eindeutig dem Fiktionalen entsprechen. Nicht dass noch jemand glaubt, mein Deutschlehrer hätte Reinhard Mey gespielt.</em></p>
<p><strong>Anmerkungen:</strong>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-931-1'>Als PDF online abrufbar auf <a href="http://www.deutscheakademie.de/preise_buechner.html">deutscheakademie.de</a> unter Josef Winkler, 2008. Sehr lesenswert übrigens. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-931-1'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-931-2'>aus Reinhard Mey &#8211; &#8222;Wenn ich betrunken bin&#8220;, erschienen auf <em>Einhandsegler</em>, EMI 2000 <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-931-2'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-931-3'>aus Funny van Dannen &#8211; &#8222;Nana Mouskouri&#8220;, erschienen auf <em>Clubsongs</em>, Trikont Indigo 1995 <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-931-3'>&#8617;</a></span></li>
</ol>
</div>
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		<title>Herr Klosterman, es tut mir leid. Über Chuck Klostermans &#8222;Downtown Owl&#8220;</title>
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		<pubDate>Sat, 20 Jun 2009 10:56:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>vogel</dc:creator>
				<category><![CDATA[notizen]]></category>
		<category><![CDATA[chuck klosterman]]></category>
		<category><![CDATA[lektüre]]></category>
		<category><![CDATA[rezension]]></category>

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		<description><![CDATA[
„Downtown Owl“ ist ein Roman. Dies scheint nicht unwichtig zu erwähnen, weder für diese Rezension, noch für Chuck Klosterman. Denn auf die Textgattung und ihren rein fiktionalen Charakter hinzuweisen – was auf den Roman-eröffnenden Seiten gleich mehrfach geschieht – ist zweifellos von Nöten, wenn der Autor bislang einzig durch die niedergeschriebene Inszenierung der eigenen Person [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://herrvogel.net/wp-content/uploads/2009/06/chuck-klosterman_downtown-owl-07.jpg" alt="Chuck Klosterman - Downtown Owl - Scribner 2008 / Foto: C.S." title="Chuck Klosterman - Downtown Owl - Scribner 2008 / Foto: C.S." class="alignnone size-full wp-image-786" /></p>
<p>„Downtown Owl“ ist ein Roman. Dies scheint nicht unwichtig zu erwähnen, weder für diese Rezension, noch für Chuck Klosterman. Denn auf die Textgattung und ihren rein fiktionalen Charakter hinzuweisen – was auf den Roman-eröffnenden Seiten gleich mehrfach geschieht – ist zweifellos von Nöten, wenn der Autor bislang einzig durch die niedergeschriebene Inszenierung der eigenen Person in Erscheinung getreten ist. Klosterman, Journalist und Essayist und mein persönlicher Held, veröffentlichte bisher vorwiegend nichtfiktionale, meist autobiographische Textsammlungen („Sex, Drugs and Cocoa Puffs“) oder Memoiren („Fargo Rock City“), welche ihm den Ruf des ultimativen Nerds und Experten für US-Popkultur einbrachten. „Downtown Owl“ ist seine fünfte Buchveröffentlichung in acht Jahren und – wie mittlerweile klar sein sollte – sein erster Roman. <span id="more-770"></span></p>
<p>Doch scheint Klosterman den Roman nicht ganz so weit von der eigenen Person weggeschoben zu haben, wie die zahlreichen Hinweise glauben machen wollen. Denn allein: „Downtown Owl“ spielt in Owl, einem fiktiven 800-Einwohner-Nest im ländlichen North Dakota – wo sich Klosterman bestens auskennen dürfte, wuchs er doch in einem vergleicharen Ort im selben US-Bundesstaat auf. Auch die im Roman behandelten Themen sind für Klosterman keine unbekannten, bleibt er auch dort dem „write what you know“-Grundsatz treu: Landleben, High School Football, Erwachsenwerden, Musik. Diese behandelt Klosterman in „Downtowl Owl“ anhand dreier Protagonisten, die abwechselnd die Handlung der recht kurzen Kapitel bestimmen: Mitch, ein High School Quarterback, der lieber schläft als Football spielt. Julia, eine junge Lehrerin, die gerade nach Owl zog. Und Horace, ein Rentner und Witwer, dessen tägliche Routine vom Cafébesuch in der Stadt bestimmt wird. Anhand dieser drei Figuren erzählt Klosterman episodisch vom Leben in der verschlafenen Kleinstadt, und versucht die Zusammenhänge beziehungsweise Nicht-Zusammenhänge an einem Ort herauszustellen, in dem jeder über jeden Bescheid weiß, doch niemanden den anderen kennt. Klostermans Protagonisten erfüllen entsprechende Rollenmodelle und werden mit jeweils individuellen Aufgaben hinsichtlich der Handlungskontruktion betraut: Horace&#8216; Geschichte symbolisiert das Alt-Eingesessene, liefert teils anekdotisch die Hintergründe zum Leben in Owl. Mitch dagegen erlebt das Erwachsenwerden an diesem eigensinnigen Ort, den Julia – die dritte im Bunde – aus der Perspektive einer kiffenden Großstädterin erst entdecken muss. Diesen drei Charakteren, die offensichtlich nichts gemeinsam haben und deren Wege sich nur peripher kreuzen, scheint nur eines gemeinsam: die Stadt Owl. Ein wirklicher Plot findet sich nur in den Julia-Kapiteln: ihr Umzug in die Stadt, das Kennenlernen der Gepflogenheiten, ihr Job als Lehrerin und ihr zunehmender Alkoholismus bei latenter Depression und dem Wunsch, einen Partner zu finden. Die Kapitel über Mitch und Horace werden dagegen von assoziativen Gedankengängen über das Älterwerden und Football bestimmt. Auch aufgrund dieser Handlungs- und der oftmals daraus resultierenden Spannungsarmut der einzelnen Erzählstränge wird jedoch eines deutlich: Die eigentliche Hauptfigur ist die Kleinstadt Owl. Klosterman versucht einen episch erzählten Flickenteppich aus Anekdoten und Kurzgeschichten zu schustern, der ergänzt durch ebenso zahllose wie letztlich unwichtige Nebenfiguren eine Annahme wiederholt unterstreicht: Owl ist ein merkwürdiges Nest – und deshalb eine ganz normale kleine Stadt.<br />
Eingefasst wird die Handlung, welche sich über den Zeitraum zwischen August 1983 bis Februar 1984 erstreckt, von zwei Zeitungsmeldungen: Als Prolog dient eine (fiktive) Zeitungsmeldung über einen tödlichen Blizzard, auf welche die Kapitel zulaufen und die wie ein dunkler Schatten über der Erzählung liegt. Thematisch beschreitet Klosterman auch hier bekanntes Gebiet: Er beschreibt die Normalität als Einzelschicksal im Zusammenhang eines größeren Ganzen – was durch die Zeitungsmeldung im Epilog nur unterschrieben wird. Letztlich tauchen Fragen nach Identität und Selbstdefinition in unterschiedlichen Lebensabschnitten auf. Es geht um Erinnerung, um Nostalgie – und die hängt meist an bestimmten Orten. Orten wie Owl. Auch wenn dort eigentlich nie etwas passiert.</p>
<p>Auf dem Papier scheint Klostermans erster Roman ein stimmiges Bild. Er bedient sich einer Erzählstruktur, die an Episodenfilme von Richard Linklater oder Robert Altman erinnert &#8211; ausgelegt auf die nicht offensichtlichen Zusammenhänge, ohne dabei eine große Skandalschau zu betreiben. Doch dies funktioniert in der Umsetzung nicht ganz reibungsfrei. Als Hauptproblem erscheint letztlich der Autor Klosterman selbst, beziehungsweise seine Sprache und sein Erzählstil, denn dieser bleibt stets dem für ihn typischen Essayistischen verhaftet. Dass diese Art zu Schreiben in Klostermans journalistischen Texten, gepaart mit Sarkasmus und pointiertem Witz, bestens funktioniert, steht außer Frage. Doch ist dies nunmal ein vorwiegend kommentierender und beschreibender Stil, kein erzählender. „Downtown Owl“ liest sich letztlich wie jedes andere Buch von Chuck Klosterman, was auch daran liegt, dass signifikante Merkmale seines Stils, wie beispielsweise die expliziten Aufzählungen, gepflegt werden wie eh und je. Dass dieser sehr eigene Stil leider gar nicht zum hier versuchten Roman passt, wird insbesondere an den Stellen deutlich, an denen Klosterman den kommentierenden Musikjournalisten nicht hinterm Berg halten kann: So mag es vielleicht richtig sein, dass dieser oder jener Charakter diese oder jene Band nie gehört hat und nie hören wird, aber ist es auch wichtig? Dass Klosterman diese Bands kennt und auch um ihre Bedeutung weiß, das hat er mehrfach bewiesen. Doch nicht immer funktioniert sein Wissen auch im Kontext dieser Erzählung – manchmal wirkt es einfach fehl am Platz und &#8211; eigentlich unglaublich, dass ich dies mal Klosterman schreibe: aufgesetzt. Es wirkt wie der Versuch, den als eigen geglaubten Stil in eine andere Textgattung zu übertragen, wobei aber leider Form mit Inhalt verwechselt wurde.</p>
<p>Dabei kann Chuck Klosterman erzählen. Das hat er in der Vergangenheit mit lesenswerten Reiseberichten wie „Killing Yourself to Live“ oder dem „Something that isn&#8217;t true at all“-Kapitel aus „Chuck Klosterman IV“ (einer Essay- und Artikelsammlung) bewiesen. „Downtown Owl“ scheint als Roman der logische nächste Schritt, das Zusteuern auf einen rein fiktionalen Text, was letztendlich leider nur bedingt gelingt. Der epische Flickenteppich aus Anekdoten und Skizzen ergibt, abgesehen vom Sprachlichen, zwar ein weitgehend stimmiges Bild. Doch fügt sich als Erzählung nicht so zusammen, wie es zu erhoffen blieb. Dies betrifft einerseits die angesprochene Handlungs- und Spannungsarmut, doch Klostermans erster eigenständiger Roman scheitert letzten Endes an etwas anderem – und dies sind ironischerweise exakt denselben Qualitäten, die seine bisherigen Texte ausgemacht haben: die eigene Person. Und wie die Nostalgie seine Figuren bestimmt, so kann auch Klosterman letztlich die schreiberische Vergangenheit nicht abschütteln.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-78" title="ding" src="http://herrvogel.net/wp-content/uploads/2009/04/ding.jpg" alt="ding" width="50" height="13" /></p>
<p><em>Chuck Klosterman – Downtown Owl. Scribner: New York 2008. ISBN: 1-4165-4418-6. Preis: 20,99 Euro. 288 Seiten</em></p>
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		<title>Das Soldatengrammofonbuch</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Jun 2009 09:16:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>vogel</dc:creator>
				<category><![CDATA[notizen]]></category>
		<category><![CDATA[lektüre]]></category>

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		<description><![CDATA[Was er macht: Er erzählt von Kindheit. Er erzählt vom Krieg. Vom Krieg zu einer Zeit, als ich auch Kind war. Wenn auch ein paar Jahre jünger, aber gerade damals: was im Fernsehen ist, das ist weit weg. Selbst heute weiß ich fast gar nichts über diesen Krieg, diesen Fluss, diese Stadt, und ich frage [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was er macht: Er erzählt von Kindheit. Er erzählt vom Krieg. Vom Krieg zu einer Zeit, als ich auch Kind war. Wenn auch ein paar Jahre jünger, aber gerade damals: was im Fernsehen ist, das ist weit weg. Selbst heute weiß ich fast gar nichts über diesen Krieg, diesen Fluss, diese Stadt, und ich frage mich warum. Ich kenne die Namen nicht. Ich kannte nichtmal diesen Roman. Er erzählt vom Erinnern, von den kleinen und den großen Geschichten. Ich ringe mit den ersten Seiten, wie ich immer mit ersten Seiten ringe, merke erst viel später, dass ich eigentlich schon lange drin bin, in der Geschichte, sie mitlenken will, aber erst ganz spät geht es dahin, wo man eigentlich hin wollte: von da weg und dorthin zurück. Und wieder geht es um Krieg, um Heimat, allen voran ums Erwachsenwerden. Und ums Zaubern. Jetzt ist das Buch gelesen und ich fange nochmal von vorne an. Und wenn es im Regal steht, dann weit vorne. </p>
<p>Der Autor ist <a href="http://www.sasa-stanisic.de/">Saša Stanišić</a>, das Buch heißt &#8222;Wie der Soldat das Grammofon repariert&#8220; und ich bin mal wieder der letzte, der irgendwas mitkriegt. (Mit Dank an <a href="http://derbe.blogger.de/">Lu</a> für die Empfehlung!)</p>
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		<title>Eine Anspielung, die gar nicht da ist</title>
		<link>http://herrvogel.net/2009/05/eine-anspielung-die-gar-nicht-da-ist/</link>
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		<pubDate>Wed, 27 May 2009 08:55:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>vogel</dc:creator>
				<category><![CDATA[notizen]]></category>
		<category><![CDATA[übers erzählen]]></category>
		<category><![CDATA[chuck klosterman]]></category>
		<category><![CDATA[lektüre]]></category>
		<category><![CDATA[richard linklater]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich glaube, Chuck Klosterman zu lesen heißt, nie alles zu verstehen. Es ist unmöglich, dass alle diese Zitate, Anspielungen, Referrenzen und Huldigungen beim Lesenden ankommen, wenn der Autor der größte Nerd auf diesem Planeten ist. Klosterman zu lesen ist in etwa so, wie einen Tarantino-Film zu gucken. Kill Bill zum Beispiel, das ist immer auch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich glaube, Chuck Klosterman zu lesen heißt, nie alles zu verstehen. Es ist unmöglich, dass alle diese Zitate, Anspielungen, Referrenzen und Huldigungen beim Lesenden ankommen, wenn der Autor der größte Nerd auf diesem Planeten ist. Klosterman zu lesen ist in etwa so, wie einen Tarantino-Film zu gucken. <em>Kill Bill</em> zum Beispiel, das ist immer auch ein bißchen mehr als nur Zitatesuchen.</p>
<p><img src="http://herrvogel.net/wp-content/uploads/2009/05/linklater-dazed-klosterman-downtown-owl.jpg" alt="Dazed And Confused - Criterion Collection / Chuck Klosterman - Downtown Owl / Foto: C.S." title="Dazed And Confused - Criterion Collection / Chuck Klosterman - Downtown Owl / Foto: C.S." width="450" height="242" class="alignnone size-full wp-image-805" /></p>
<p>Und wenn Klosterman in &#8222;Downtowl Owl&#8220; schreibt, dass eine seiner Figuren die Band &#8222;The Death Leopards&#8220; hört, dann bedeutet das etwas. Also mehr natürlich als die Tatsache, dass jene Figur diese Band hört &#8211; obwohl es prinzipiell natürlich immer wichtig ist, welche Figur welche Musik hört. Hier aber schreibt Klosterman aus der Perspektive von Mitch, einem der drei Hauptfiguren des Romans, und ein Freund von eben jenem hört die &#8222;Death Leopards&#8220;. Zumindest denkt Mitch, dass die Band so heißt. Mit ziemlicher Sicherheit aber hört sein Kumpel nicht &#8222;The Death Leopards&#8220;, sondern schlicht Def Leppard. Denn 1) ist das so offensichtlich, dass ich mich gerade ein bißchen schäme, das hier als große Enthüllung zu präsentieren und 2) spielt die Handlung in den 80ern, da wurde Def Leppard  (zumindest laut Wikipedia) noch von irgendwem gehört. Jedenfalls, man kann davon ausgehen, dass Mitch die Lieblingsband seines Freundes nur vom Hörensagen kennt. Die Band trägt vordergründig zur Charakterisierung des besagten Freundes bei, im Grunde aber noch wesentlich gezielter zu der von Mitch. Aus der falschen Weitergabe des Bandnamens (&#8222;The Death Leopards&#8220;) könnte man also schlussfolgern &#8211; zusammen mit einigen anderen Aussagen &#8211; dass Mitch sich praktisch nicht für Musik interessiert. Eine halbversteckte Aussage, die noch geradeso unter meine Musikkenntnisse fällt, praktisch aber schon Nerdwissen ist und der Roman ohnehin ein wenig Vorwissen verlangende Popliteratur. Zumindest was die Zitatesuche angeht, wie immer schon. <span id="more-610"></span></p>
<blockquote><p><span style="font-family: Georgia,serif;"><strong>Mitch liked Kramer, but he never hung the poster.</strong></span> <sup class='footnote'><a href='#fn-610-1' id='fnref-610-1'>1</a></sup></p></blockquote>
<p>Hier aber bin ich irritiert. Sehr. Wieder geht es um Mitch, den unfähigen Quarterback. Gerade bekam er ein Poster von Profi-Quarterback <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Tommy_Kramer">Tommy Kramer</a> geschenkt, will dies aber nicht aufhängen, weil er Zimmerdekorieren blöd findet. Und wiegesagt, das irritiert mich jetzt. Also nicht die Handlung selbst, sondern 1) die Tatsache, dass <a href="http://damox.com/entertainment/dazed_and_confused/mitch_kramer.jpg">Mitch Kramer</a> einer der Protagonisten in Richard Linklaters <em><a href="http://www.imdb.com/title/tt0106677/">Dazed and Confused</a></em> ist, und 2) ich weiß, dass Klosterman <em>Dazed and Confused</em> gesehen hat: &#8222;approximately sixty-five times, and I have been stoned for approximately sixty-four of those experiences.&#8220; <sup class='footnote'><a href='#fn-610-2' id='fnref-610-2'>2</a></sup></p>
<p>War ich eben noch so stolz auf mich, diese Def Leppard-Geschichte verstanden zu haben, stehe ich nun vor einem unlösbaren Rätsel: Sehe ich Gespenster? Werde ich verrückt? Diese Mitch-Kramer-Nummer kann doch unmöglich ein Zufall sein. Oder doch? Aller Wahrscheinlichkeit nach hat Klosterman nicht einen seiner drei Protagonisten Mitch genannt, um dann einen halbgaren Verweis auf Linklater einzubauen. Aber warum der Quarterback namens Kramer und nicht irgendein anderer? Ich denke, das ist der eigentliche Grund meiner Verwirrung: der Verweis ist nicht eindeutig. Und, nur mal angenommen es sei eine von Klosterman intendierte Anspielung, dann ist diese ohnehin völlig witzlos. Weil was ist schon eine Anspielung, die nur der Anspielung dient? Überhaupt: qualifiziert dieses bestenfalls schlichte und schlimmstenfalls nichtssagende &#8222;Mitch liked Kramer&#8220; überhaupt als Anspielung auf Richard Linklaters Mitch Kramer?</p>
<p>Ich denke nicht.<br />
Ich denke schon.<br />
Ich denke es wäre schön, wenn dem so wäre.</p>
<p>Ich einige mich mit meinem an seine Grenzen stoßenden Popkultur- bewusstsein also auf einen Zufall. Dieser Zufall muss ein Zufall sein, allerdings kein schlechter (ja, der Satz stimmt so). Doch selbst mit dieser Einigung ist eine ganz andere und &#8211; wie ich finde &#8211; wesentlich grundlegendere Frage noch immer nicht geklärt: Werde ich verrückt? In diesem ganzen philosophischen Kontext, man denke an Signifikant-Signifikat-Theorien mit Bezügen auf- und unter- und zueinander und all dem Baudrillard&#8217;schen Simulakrum-Hyperrealitäten-Dings &#8211; ich glaube, ich bin da irgendwo verloren gegangen. Dabei wollte ich doch nur Klosterman lesen.<sup class='footnote'><a href='#fn-610-3' id='fnref-610-3'>3</a></sup></p>
<p>Dabei, Achtung Zeitsprung, fing mit diesen beiden Herrschaften &#8211; Richard Linklater und Chuck Klosterman &#8211; alles an. Und mit alles meine ich: alles. Und es begann mit einem Videorekorder. Und mit einem <em>Dazed and Confused </em>VHS-Tape, das ich zwar nicht fünfundsechszig, aber bestimmt vierzig Mal gesehen habe, bevor der Film endlich auf einer unwürdigen DVD erschien, für die ich dann bereitwillig 20 Euro gezahlt habe. 2006 schließlich wurde von Veröffentlichungswegen der Idealzustand erreicht, in dem sich ein Lieblingsfilm befinden sollte: das Gottesgeschenk der <a href="http://www.criterion.com/films/314">Criterion Collection</a>, welche ich dankbar für 35 Euro aus den USA importierte. Man sieht: Filmbegeisterung vorhanden, Erinnerungsvermögen vorhanden &#8211; auch wenn es um die DVD-Preise der Vergangenheit geht. In der Zwischenzeit kam ich über <em>Dazed and Confused</em> zu Richard Linklaters anderen Filmen &#8211; und da gibt es keinen, der mir nicht auf die ein oder andere Weise ans Herz gewachsen ist.<sup class='footnote'><a href='#fn-610-4' id='fnref-610-4'>4</a></sup><br />
Jedenfalls, im (für Fußnotenleser) bereits angesprochen Booklet der Criterion fand sich unter anderem ein Aufsatz von Chuck Klosterman, mir bis dahin als Journalist, Autor und Mensch völlig unbekannt, und er sprach über Filme, über Musik, über Gras und dabei im Prinzip nur über sich selbst. Diese drei Booklet-Seiten fassten Linklaters Film für mich zusammen, brachten das Gefühl, diesen Film zu sehen auf den Punkt. Jedenfalls, dieser egozentrische, grenz-narzisstische Journalismus Klostermans hat mich von Anfang an begeistert. Sowas wollte ich auch machen, sowas wollte ich auch schreiben. Auch heute noch gehört dieser kurze Text mit zum besten, was ich 1) von Chuck Klosterman und 2) über <em>Dazed and Confused</em> gelesen habe.</p>
<p>Klosterman schließt seine Erinnerungen an den Film und seine Ausführungen über das Erinnern mit dem wundervollen Statement:</p>
<blockquote><p><span style="font-family: Georgia,serif;">I don&#8217;t think the world inside of <em>Dazed and Confused</em> ever really existed. And I suspect the world where I spent a year desperately waiting to watch <em>Dazed and Confused</em> didn&#8217;t exist, either. But if you can tell the difference between how things were and how things feel, you are the only one, man.</span> <sup class='footnote'><a href='#fn-610-5' id='fnref-610-5'>5</a></sup></p></blockquote>
<p>Und genau das ist der Punkt. Es kommt nicht darauf an, ob der Satz &#8222;Mitch liked Kramer&#8220; wirklich eine von Klosterman beabsichtigte Anspielung auf Richard Linklaters Mitch Kramer ist. Es kommt nicht drauf an, warum welche Figur wie genannt wurde und wie welcher Satz letztendlich gemeint war. Wenn Klosterman in etwa so <span style="color: #888888;"><span style="text-decoration: line-through;">viel</span></span> wenig über einzelne Formulierungen nachdenkt wie ich, dann war es ohnehin Zufall. Doch selbst das spielt keine Rolle. Es spielt letztlich nichtmal eine Rolle, ob ich verrückt werde oder nicht oder ob ich es schon lange bin. Selbst wenn man Dinge sieht, die nicht da sind &#8211; das durfte man schon von Ally McBeal lernen und ich möchte nicht alle von David E. Kelley adaptierten Lebensweisheiten wiedergeben. Wichtig ist nur, dass dieser Zufall-oder-nicht in meiner persönlichen Nostalgie existiert und irgendwas bei mir ankam. Genauso wie ich jedes Mal, wenn jemand &#8222;What the fuck did I do?&#8220; fragt &#8211; wie Julia in &#8222;Downtown Owl&#8220; auf S. 146 &#8211; unweigerlich an Jimmy McNulty denken muss. Für mich <em>ist</em> es eine Anspielung. Recht egal was Chuck Klosterman davon hält, Mann.</p>
<p><strong>Anmerkungen:</strong>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-610-1'>Klosterman, Chuck: Downtown Owl. Scribner, 2008. S. 109. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-610-1'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-610-2'>Klosterman, Chuck: &#8222;Not so long ago, but very far away&#8220;. Aufsatz aus dem Booklet zur <em>Dazed and Confused</em>-Criterion Collection. S. 27 <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-610-2'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-610-3'>Und habe mit Saussure und Baudrilliard irgendwas durcheinander gebracht, fürchte ich. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-610-3'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-610-4'>Ausnahme: <em>School of Rock</em> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-610-4'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-610-5'>Klosterman: „Not so long ago, but very far away“. S. 29. Wobei das finale &#8222;man&#8220; eine Anspielung von Klosterman auf die dem Film zu Gute zu haltende Tatsache ist, dass im Dialog 185 mal das Wort &#8222;man&#8220; fällt. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-610-5'>&#8617;</a></span></li>
</ol>
</div>
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		<title>Wieder eine Nacht mit Lesen verbracht</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Apr 2009 13:05:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>vogel</dc:creator>
				<category><![CDATA[notizen]]></category>
		<category><![CDATA[übers erzählen]]></category>
		<category><![CDATA[lektüre]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine Inzestgeschichte! Jetzt mal ehrlich, da schippt der in seiner ellenlangen Erzählung Geheimnis auf Geheimnis und was ist am Ende der Schlüssel zu allem? Eine Inzestgeschichte. Das ist in etwa so originell wie ein Telefonstreich im Radio. Dabei hab ich das Buch, knapp sechshundert Seiten, von denen es ohne Probleme hundert weniger hätten sein können, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eine Inzestgeschichte! Jetzt mal ehrlich, da schippt der in seiner ellenlangen Erzählung Geheimnis auf Geheimnis und was ist am Ende der Schlüssel zu allem? Eine Inzestgeschichte. Das ist in etwa so originell wie ein Telefonstreich im Radio. Dabei hab ich das Buch, knapp sechshundert Seiten, von denen es ohne Probleme hundert weniger hätten sein können, nicht nur wirklich gern gelesen, ich hab diesen „wahren Schmöker“ nahezu „verschlungen“ &#8211; um vor der Buchrückensprache anno 2003 den Hut zu ziehen. Fraglos ein Roman, den ich auch gerne weiter empfehlen würde, wäre ich nicht sowieso schon der letzte, der ihn gelesen hätte. Die Geschichte aber ist großartig, wunderbar erzählt, viele Ebenen und am Ende doch erstaunlich wenig Redundantes für so viel Epos. Auch ist das alles nicht eindeutig zuzuordnen, genretechnisch, anfangs schon gar nicht, bewegt sich im guten Sinne zwischen allen Stühlen und ist obendrein gelungen geschrieben, sprachlich, ganz eigener Humor, auch die Informationsvergabe, das kann auch nicht jeder, nichts vergessen, alles fein. Kurz gesagt, der Roman hat alles. Und weil er eben alles hat, hat er auch eine Inzestgeschichte. <span id="more-123"></span></p>
<p>Wie sich dann rausstellte, war die Enthüllung um die beiden Liebenden, die Halbgeschwister waren ohne davon zu wissen, nur eine von vielen und nicht das große, am Ende zu lüftende Geheimnis. Und damit war das auch alles nicht so schlimm. Letztlich zwar der Schlüssel zum Rätsel, aber dann doch nicht mehr als ein verkappter <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/MacGuffin">MacGuffin</a> zum Aufbau oder vielmehr zur Auflösung von anderen Handlungssträngen. Und das ist jetzt wieder schön, weil das ganze war nicht das übliche Krimimaterial, es war ja nichtmal ein Krimi, sondern eine schön ineinandergreifende episch-dramatische Schicksalzufallgeschichte und am Ende wird eben doch nicht alles wieder gut. Dann aber schon. Wunderbar komplettes Finale.<br />
Bei dieser Vielzahl an Handlungssträngen und figurentechnischen Ver- wicklungen, die allesamt die Gratwanderung zwischen Schablone und Glaubwürdigkeit meistern, fragt man sich aber doch: war das jetzt nötig, aus der ohnehin schon todtraurigen unvergessenen Liebe obendrein eine Geschwisterliebe zu machen?<br />
Handlungstechnisch, nein. Bestsellertechnisch, vielleicht. Sensationen, Attraktionen. Bin dem Autor also nicht böse, warum auch, einen besseren Roman hab ich lange nicht gelesen. Aber zum John Irving reicht&#8217;s nicht so ganz, bei dem sind die Inzestgeschichten dann doch ein Stück eleganter.</p>
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